Stillstand und Ausdruckswille

Architektur 1917:

Die Bautätigkeit ist nach drei Kriegsjahren fast völlig zum Erliegen gekommen. Es fehlt immer spürbarer an Baumaterial, Geld und nicht zuletzt den Menschen, die die Bauvorhaben ausführen könnten. An hochfliegende architektonische Pläne wagt in einer Zeit, die von Not und Hunger geprägt ist, ohnehin kaum jemand zu denken. Trotzdem geht bei den Architekten, die sich als Künstler begreifen, das Nachdenken über neue Baustoffe und zeitgemäße Formgebung weiter.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat in der Architekturgeschichte eine Umwälzung stattgefunden, die es in solcher Radikalität niemals zuvor gegeben hat. Der neue Stil ist geprägt von den Lebensbedingungen der Massengesellschaft und Industriekultur.

Die Avantgarde der Architekten, so etwa Adolf Loos und Josef Hoffmann in Wien, Peter Behrens und Hermann Muthesius in Norddeutschland, bedient sich für ihre in ihrer Schlichtheit kühn wirkenden Bauwerke bevorzugt moderner Materialien wie Beton, Glas und Eisen.

Die Durchschnittsarchitektur zu Beginn des Krieges ist aber noch weitgehend bestimmt vom Baustil des Historismus, der an überlieferten Stilrichtungen wie der Klassik orientiert ist. Die verschnörkelten, überladenen Formen der Gründerzeit, der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts, finden im 20. Jahrhundert auch noch zu Beginn des großen Krieges ihre Fortsetzung.

Gegen ornamentale Überladenheit und überkommenes, handwerklich geprägtes Bauen setzen die Vertreter des neuen Stils absolute Funktionalität und industriell realisierbare Baukonzepte. Die neue Architektur arbeitet mit glatten Flächen und viel Glas. Alles Schmückende, das für die Funktion des Bauwerks nicht unbedingt erforderlich ist, gilt den Baumeistern dieser Avantgarde als verpönt.

Eine Rückkehr zum Ornament kündigt sich gegen Kriegsende in den expressionistischen Entwürfen etwa Erich Mendelsohns an.