Zivilverkehr durch den Krieg lahmgelegt

Verkehr 1917:

Immer deutlicher beeinträchtigt der Krieg das Verkehrswesen im Deutschen Reich, aber auch in sämtlichen anderen kriegführenden Ländern. Umfangreiche Truppen- und Materialtransporte zur Front und von dort zurück in die Heimat zwecks Transport verletzter Soldaten ebenso wie von Heimaturlaubern und Gefangenen schlucken fast die gesamte Kapazität des Schienennetzes wie des Waggon- und Lokomotivbestandes.

Für Zivilpersonen werden Überlandfahrten mit der Bahn immer stärker eingeschränkt. Selbst an

den großen kirchlichen Festen wie Ostern und Weihnachten bleibt der Zivilverkehr reglementiert. Nur noch die wenigsten Zugverbindungen sind überhaupt für Personen zugelassen, die nicht dem Militär bzw. der Regierung angehören.

Auch ein Rückgriff auf den Pferdewagen zur Überbrückung längerer Wegstrecken ist so gut wie unmöglich, denn kräftige Arbeitspferde sind zum größten Teil für den Fronteinsatz beschlagnahmt worden. Hinzu kommt, dass die Zivilbevölkerung die wenigen noch in der Heimat verbliebenen Pferde wegen der wachsenden Hungersnot im Deutschen Reich oftmals lieber schlachtet, als sie als Zugtiere zu verwenden.

Der Individualverkehr mit eigenem Pkw spielt noch eine verschwindend geringe Rolle. Nur eine kleine Gruppe von Wohlhabenden kann sich den Luxus eines Automobils für den Privatgebrauch leisten. Nicht nur die Anschaffung ist sehr teuer, auch der Treibstoff ist wegen des Krieges knapp und kostspielig. Die Literpreise für Benzin sind auf weit über zwei Mark geklettert. Dementsprechend hat im Deutschen Reich die Produktion von Personenkraftwagen noch keinen nennenswerten Umfang. Im Jahr 1917 fahren auf Deutschlands Straßen nicht viel mehr als 100 000 Pkw. Die Firma Adam Opel in Rüsselsheim stellt seit 1898 in kleiner Zahl Automobile her. Die 1916 in München gegründeten Bayrischen Motoren Werke (BMW) fertigen einstweilen nur Flugzeugmotoren.

Weltmarktführer in der Automobilherstellung sind die US-amerikanischen Unternehmen Ford Motor Company (gegründet 1903) und die General Motors Corporation (gegründet 1908). In Großbritannien produziert vor allem Rolls-Royce Automobile (seit 1906), in Frankreich stellen seit 1899 die Firma Renault, seit 1915 Citroën Kraftfahrzeuge her.

Für den Nahverkehr stehen in den Städten Straßenbahnen und Omnibusse zur Verfügung. Der Fahrplan ist jedoch auch hier wegen Personal- und Treibstoffmangel wesentlich eingeschränkt. Aufgrund der Bombengefahr, die im Verlauf des Jahres in den westlichen Landesteilen des Deutschen Reiches stark zunimmt, wird der öffentliche Nahverkehr bei Dunkelheit oft ganz eingestellt.

Auf dem Land wird das Fahrrad zum einzigen zuverlässigen Fortbewegungsmittel. Die Fahrradhändler sind ständig ausverkauft. Wegen der großen Nachfrage blüht der Schwarzhandel.