Wirtschaftlicher Aufschwung mit Schattenseiten

Politik und Gesellschaft 1927:

Auch die Wirtschaft zeigt sich von Kriegsfolgen und Depression erholt. Seit drei Jahren ist der Dawes-Plan in Kraft. Er mildert die Reparationszahlungen aus dem Versailler Friedensvertrag und lässt Auslandsanleihen ins Deutsche Reich fließen. Das Land erlebt eine Phase der Hochkonjunktur. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt unter eine Million, die Zahl der Konkurse fällt um 50% gegenüber dem Vorjahr. Dass dieses wirtschaftliche Hoch nicht lange anhält, ahnt niemand. Nach entbehrungsreichen Jahren wird der geringste Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Aufschwungs schnell beiseitegewischt. Mit dem konjunkturellen Aufwärtstrend geht eine Verbesserung in der Sozialgesetzgebung einher. Im Juli beschließt der Reichstag Schutzgesetze für werdende Mütter sowie die Einführung der Arbeitslosenpflichtversicherung. Die deutschen Sozialgesetze, die seit ihrer Einführung durch Otto von Bismarck in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts als beispielhaft gelten, bleiben damit auch weiterhin weltweit vorbildhaft.

Das allgemein glänzende Bild hat aber auch Schattenseiten. Das Leben der unteren Schichten ist durch monotone Fabrikarbeit, Akkord und einen langen Arbeitstag geprägt. Selbst das Einkommen mittlerer Beamter ist so knapp bemessen, dass es gerade zur Haushaltsführung ausreicht. Ein preußischer Regierungsrat kann mit einem Gehalt von 737,25 RM die laufenden Kosten für eine siebenköpfige Familie nicht decken.