Deutschland – ein Wartesaal

Verkehr 1946:

Im Jahre 1946 gleicht ganz Deutschland einem Wartesaal. In den Bahnhöfen, von denen häufig nur ein Stahlgerippe übrig geblieben ist, drängen sich die Menschen. Allem Anschein nach ist die ganze Bevölkerung unterwegs.

Darunter befinden sich viele entlassene Kriegsgefangene, die auf dem Rückweg in ihre Heimatorte sind. Die meisten stehen noch unter dem Eindruck ihrer Kriegserlebnisse und der Erfahrungen der Gefangenschaft, so dass sie häufig große Schwierigkeiten haben, sich nach ihrer Heimkehr in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Über das Lebensgefühl dieser Menschen schreibt Hans Werner Richter, der selbst in den Vereinigten Staaten in Gefangenschaft war, in der Zeitschrift »Der Ruf«:

»Auf allen Bahnhöfen stehen sie herum, die Hoffnungslosen. Sie sind jung und tragen noch die Uniformen von gestern. Sie sind aus der Gefangenschaft zurückgekommen und haben ihre Heimat nicht wiedergefunden. Mit dem Ende des Krieges haben sie ihren Glauben verloren. Nun sind sie illusionslos und stecken doch voller Illusionen. Sie sind erschreckend nüchtern und sind doch keine Realisten. Sie sind zu allem fähig und beweisen dadurch ihre Befähigung zum Leben. Heute können sie ihrem Freund die letzten Schuhe stehlen und morgen mit ihm die letzte Zigarette teilen. Sie haben das Warten in diesen Jahren gelernt.«

Hinzu kommen unzählige Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten, die sich oft tage- und wochenlang auf den Bahnhöfen der großen Städte aufhalten müssen, bevor ihnen irgendwo eine Unterkunft zugewiesen wird. Darüber hinaus sind überall in Deutschland die Städter unterwegs aufs Land, wo sie versuchen, Lebensmittel einzutauschen. Mancher Wartesaal gleicht einem Heerlager, viele Bahnhofsbunker dienen zudem als Notunterkünfte für Obdachlose und Reisende, die oft viele Stunden oder sogar Tage auf Anschlusszüge warten müssen.

Kurt Loehning schreibt 1946 in »Eine unsentimentale Reise durch Deutschland«: »Das ist Deutschland: Ein Zug Männer und Frauen, einem mit Koffern und Rucksäcken hochbepackten Gepäckwagen folgend, marschiert im Geschwindschritt durch das mitternächtliche Frankfurt. Eine Dreiviertelstunde lang wandern wir durch sparsam von Bogenlampen erhellte Straßen – links und rechts die Trümmer der zerstörten Stadt. Das ausgebrannte Mauerrund der Paulskirche bleibt links liegen, rechts öffnet sich im trüben Licht der Römer mit ragenden Ruinenkulissen … Das Auge wendet sich scheu ab, voller Furcht, das in der Erinnerung bewahrte schöne Bild zu trüben.«