In Deutschland bleiben Wohnungen weiterhin Mangelware

Wohnen und Design 1948:

Wie wohnen die Deutschen im Jahre 1948? Noch immer bestimmen Ruinen das Bild der Städte. Bis zu sechs Millionen Menschen sind, wie es heißt, »bombengeschädigt«. 44,4% aller Wohnungen waren am Ende des Krieges zerstört. Noch 1948 kommen nach statistischen Berechnungen 1,37 Menschen auf einen Wohnraum, im Jahr 1939 waren es nur 0,8.

Inzwischen ist der Trümmerschutt weitgehend beseitigt worden. Beschädigte Häuser wurden notdürftig repariert, Dächer abgedichtet. Vereinzelt wurden bereits provisorische Neubauten errichtet. Die Mehrzahl der Deutschen wohnt aber weiterhin in drangvoller Enge. Die erhalten gebliebenen Wohnungen sind durch Einquartierungen von Flüchtlingen und Ausgebombten überbelegt. Man muss sich deshalb bescheiden und die eigenen Ansprüche drastisch reduzieren. Man will es trocken, warm und vor allem sauber haben. Extravaganzen sind nicht gefragt: Die vielen Ausgebombten und Flüchtlinge sind oft schon froh, überhaupt ein eigenes Möbelstück zu besitzen, sei es ein Bett, ein alter Wehrmachtsspind, ein Tisch oder ein Stuhl. Noch immer bleibt für viele jede häusliche Behaglichkeit ein Wunschtraum. Man lebt auch in feuchten Kellern, die sich nicht beheizen lassen, in Baracken oder den für diese Zeit so charakteristischen Nissenhütten, einer aus Großbritannien stammenden Erfindung. In diesen Wellblechhäusern herrscht im Sommer unerträgliche Hitze und im Winter eisige Kälte. Vereinzelt werden sogar Gefängniszellen zu Wohnungen hergerichtet und an Ausgebombte und Flüchtlinge vergeben.

In dieser Gesellschaft des Mangels sind Einfallsreichtum und Improvisationstalent besonders gefragt. Als Resultat des völlig unzureichenden Angebotes im Handel wird Selbstgeflochtenes, Selbstgebasteltes, Selbstgenähtes und Selbstgezimmertes angeboten. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Broschüren sind voller Tipps und Anregungen, wie gebrauchtes Material sich neu verwerten lässt. Der Fantasie sind dabei keinerlei Grenzen gesetzt. Vorhänge werden aus Stoffresten genäht, Untersetzer aus Stroh geflochten, Möbelstücke aus alten Brettern gezimmert. Da in vielen Behausungen nur begrenzt Kochmöglichkeiten zur Verfügung stehen, werden die Speisen häufig in sogenannten Kochkisten, das sind tragbare Kleinst-Küchen im Karton-Format, zubereitet.

Mit der Währungsreform am 19. Juni 1948 zeichnet sich endlich eine Wende ab. Das neue Geld ist wieder etwas wert, wenn es auch knapp ist. Was in den Schaufenstern der Geschäfte angeboten wird, bleibt für viele vorerst unerschwinglich.

Statt einer teuren Wohnzimmereinrichtung schaffen sich die Käufer zunächst einfacheres Mobiliar an. Der Bedarf an Haushaltswaren, wie zum Beispiel Töpfen, Geschirr und Besteck, ist um ein Vielfaches größer als an Mobiliar.

Nicht nur unbezahlbar, sondern auch für lange Zeit unerreichbar bleibt das, was Zeitungen, Zeitschriften und Wochenschauen aus den vom Krieg verschonten Ländern der Erde zu berichten haben. Es mutet geradezu fantastisch an, was vor allem die Bilder aus den Vereinigten Staaten zeigen. Nicht selten entsteht dabei der Eindruck, als lebe dort eine Überflussgesellschaft in geräumigen Eigenheimen, deren Küchen mit raffiniertester Technik ausgestattet sind.