Auf dem Weg ins Wirtschaftswunder gerät die Kriegsschuld aus dem Blick

Politik und Gesellschaft 1951:

Für die Wirtschaft der Bundesrepublik ist 1951 ein Schwellenjahr. Auf sanften Druck der Westalliierten modifiziert Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard sein Konzept einer freien Marktwirtschaft: Er lässt staatliche Eingriffe in den ökonomischen Kreislauf zu. Der durch den Koreakrieg ausgelöste Boom auf den Weltmärkten kann in der Bundesrepublik Deutschland in der zweiten Hälfte des Jahres genutzt werden – der Schritt in das »Wirtschaftswunder« gelingt.

Ungeahnte Folgen hat dieser Aufschwung für die gesellschaftliche und innenpolitische Entwicklung der Bundesrepublik. Die moralische Verpflichtung, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten, wird ökonomischen Prioritäten untergeordnet – im privaten wie im öffentlichen Leben. Sechs Jahre nach dem Holocaust ist die »Trauerzeit« allem Anschein nach beendet. In mehreren Bundesländern werden Gesetzentwürfe, die den Abschluss der Entnazifizierung fordern, abgesegnet. Materielle Wiedergutmachung gegenüber Israel soll nur in einem vertretbaren Rahmen geleistet werden. Hiermit wagt Adenauer, immerhin der Regierungschef eines noch nicht souveränen Staates, eine erstaunliche Einschränkung.

1951 – ein Jahr also wie jedes andere?

Für die Bundesrepublik ist es ein entscheidendes Jahr der Einbindung in das westliche Lager und damit in den Ost-West-Gegensatz. Dieser Konflikt wird die Welt noch jahrzehntelang in Atem halten und zuweilen bis an den Rand des Abgrunds führen. Darüber hinaus drohen regionale Krisenherde in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten sich zu Flächenbränden auszuweiten. Sie kündigen das Ende des kolonialen Zeitalters an.