»Edelfresswelle« im Kommen

Ernährung, Essen und Trinken 1959:

Bei den Ernährungsgewohnheiten der Bundesbürger zeichnen sich drei Entwicklungen ab: Erstens eine zunehmende Tendenz zu verfeinertem Essen; zweitens die Neigung zu tischfertigen Gerichten, da mit der Lust am Essen offensichtlich die Unlust am Kochen zunimmt; drittens die stärkere Einbeziehung ausländischer Lebensmittel und Rezepte in den Speiseplan.

Fachleute wie Alfred Keller, Referent bei der Gesellschaft für Konsumforschung in München, sprechen sogar von einer »neuen Eß- und Trinkkultur«, die in der Bundesrepublik Einzug gehalten habe: »Man würzt mit Curry und Paprika und verfeinert die Speisen mit Kondensmilch. Man kauft den ersten Kopfsalat, die ersten Tomaten, die ersten Gurken. Kartoffeln werden zu Pommes frites verarbeitet. Daneben gibt es Reisgerichte. Das Geräucherte mögen selbst die Bauern kaum noch essen. Kalbfleisch, Wild und Geflügel sind bevorzugte Fleischarten, und der Salzhering darf nur in veredelter Form auf den Tisch kommen. Die Kartoffeln kauft man teilweise schon geschält, Suppeneinlagen brauchen nicht mehr selbst gewaschen und zusammengestellt werden. Wie in Amerika kann man bereits buchstäblich aus der Dose essen.«

Die Hinwendung zu scheinbar höherwertigen Nahrungsmitteln stößt auch auf Kritik. Die Fleischer klagen über die »Edelfresswelle«, die zu Preisverzerrungen geführt habe, da das fettarme Kalbfleisch zweieinhalbmal so teuer wie Schweinefleisch geworden sei, das immer weniger gekauft werde. Der Fleischverbrauch beträgt in der Bundesrepublik 48,5 kg pro Kopf und Jahr und ist damit immer noch geringer als in Großbritannien oder Dänemark. Ärzte kritisieren den erhöhten Butterverbrauch, der um 7% im Vergleich zu 1958 gestiegen ist. Auch der Konsum von Eiern und Zucker liegt höher als zuvor, so dass ein Erwachsener durchschnittlich 2973 Kalorien täglich aufnimmt. Gesundheitlich ebenfalls bedenklich ist die wachsende Neigung der Bundesbürger zu Genussmitteln. Statistisch trinkt jeder Bundesbürger jährlich 91,45 l Bier, das sind fast 30% mehr als 1956. Bei Wein ist die Steigerungsrate ähnlich, bei Sekt sogar doppelt so hoch. Der Zigarettenkonsum – pro Person jährlich 1202 Stück – hat seit 1956 um 25% zugenommen.