Industrie und Gewerbe klagen über Arbeitskräftemangel

Arbeit und Soziales 1959:

Die Hochkonjunktur der bundesdeutschen Wirtschaft stellt viele Unternehmen vor das Problem, dass sie die eingegangenen Aufträge nicht in der gewünschten Zeit abwickeln können. Ursache ist der Personalmangel insbesondere im Baugewerbe und in der metallverarbeitenden Industrie. Im September erreicht die Zahl der Arbeitslosen ihren tiefsten Stand seit Bestehen der Bundesrepublik. Bei den Arbeitsämtern sind 187 159 Erwerbslose, darunter 102 080 Männer, registriert. Ihnen stehen 35 093 offene Stellen gegenüber. Da die Arbeitsämter ihnen keine Fachkräfte vermitteln können, werben größere Unternehmen in strukturschwachen Gebieten Arbeitskräfte an oder versuchen, Arbeiter anderer Firmen abzuwerben. Vor allem die Bauindustrie nutzt ihre gutgefüllten Kassen, um mit attraktiven Lohnangeboten Arbeitskräfte aus anderen Branchen herüberzuziehen. Das Volkswagenwerk verringert in seinem neuerrichteten Zweigwerk Baunatal bei Kassel die Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden und verlockt damit zahlreiche Mitarbeiter des Kasseler Maschinenbauunternehmens Henschel zum Übertritt. Die Pfälzischen Plastic-Werke in Frankenthal bieten sogar Löhne, die durchschnittlich 100% über Tarif liegen, um genügend Arbeitskräfte zu bekommen. Im Ruhrbergbau zeichnet sich eine scheinbar widersprüchliche Entwicklung ab. Die Zechen suchen Arbeiter für mehr als 15 000 unbesetzte Arbeitsplätze, obwohl nach Verlautbarungen des Unternehmensverbands Ruhrbergbau 5 000 Bergleute infolge der Absatzkrise bei Kohle entbehrlich sind. Die Erklärung liegt darin, dass viele qualifizierte Facharbeiter in die Bauwirtschaft, Chemieindustrie und Stahlindustrie abwandern.

Besonders umworben von Industrie und Gewerbe sind die Schulabgänger. Ihre Zahl ist jedoch für den Bedarf der Wirtschaft zu gering, so dass ein Drittel aller angebotenen Lehrstellen für männliche und ein Fünftel der für weibliche Jugendliche nicht besetzt werden können. Neben technischen Berufen haben Bau- und kaufmännische Berufe (mit Ausnahme des Einzelhandels) die größte Anziehungskraft. Bäcker, Maler, Schuhmacher und Tischler plagen dagegen erhebliche Nachwuchssorgen. In Niedersachsen fehlen bereits 1000 Bäckerlehrlinge, 700 Malerlehrlinge, 600 Auszubildende für den Tischlerberuf und ebenso viele für den Einzelhandel.

Angesichts steigender Gewinne der Unternehmen fordern die Gewerkschaften neben höheren Löhnen auch eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden. Die Wochenarbeitszeit war 1956 zunächst in der Metallindustrie, später auch in anderen Wirtschaftszweigen von 48 auf 45 Stunden gesenkt worden. Die Fünftagewoche ist in der Mehrzahl der Berufe durchgesetzt. Rund 75% der Arbeitnehmer in der Bundesrepublik gehen sonnabends nicht mehr in ihre Werkstätten oder Büros.

Arbeitgeberpräsident Hans-Constantin Paulssen lehnt für seinen Verband eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit ab und kritisiert die Arbeitsmoral in der Bundesrepublik: »Das deutsche Volk, das einmal als das fleißigste Volk Europas bezeichnet wurde, … vertritt heute mehr und mehr eine Schülermoral nach dem Motto: Das Schönste im Leben sind die Ferien. Das Ethos der Arbeit ist stark im Schwinden begriffen.« Auch Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) warnt die Gewerkschaften vor einer Arbeitszeitverkürzung. Der Anstieg des Volkseinkommens durch eine gute Konjunktur dürfe nicht gefährdet werden. Stattdessen müssten die Arbeitnehmer sogar zu Überstunden bereit sein.

Bei einer Steigerung der Lebenshaltungskosten um rund 2% und durchschnittlichen Lohn- und Gehaltserhöhungen von 5% können die Bundesbürger einen Anstieg ihrer Reallöhne verbuchen. Die Entlohnung von Männern und Frauen weist jedoch nach wie vor gravierende Unterschiede auf. Ein Industriearbeiter verdient durchschnittlich 2,63 DM in der Stunde und erhält einen Monatslohn von 487 DM. Seine weibliche Kollegin dagegen bekommt lediglich einen Stundenlohn von 1,68 DM, was einem Monatslohn von 290 DM entspricht. Ähnlich verhält es sich bei Arbeitnehmern im Angestelltenverhältnis: Männliche Angestellte verdienen im Durchschnitt 3,57 DM in der Stunde und beziehen ein Monatsgehalt von 668 DM, während sich weibliche Angestellte mit einem Gehalt von 382 DM zufriedengeben müssen.

Viele Frauen beklagen sich über mangelnde gesetzliche Initiativen gegen die Ungleichbehandlung im Berufsleben. Da Teilzeitarbeit nur in Ausnahmefällen möglich ist, müssen sie sich häufig zwischen Familie und Berufstätigkeit entscheiden. Der DGB-Frauenkongress fordert eine Verbesserung des Mutterschutzes, insbesondere die Erweiterung des Kündigungsschutzes auf acht Wochen vor und zehn Wochen nach der Entbindung. Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling (CDU) spricht sich für eine Reform des Familienlastenausgleichs aus. Auf diesem Gebiet sei die Bundesrepublik eines der rückständigsten Länder der Welt. In jedem anderen Land der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) werde schon vom zweiten Kind an Kindergeld gezahlt. Österreich gewähre die Kinderbeihilfe sogar vom ersten Kind an. Nur in der Bundesrepublik und in der Südafrikanischen Union bestehe ein Anspruch auf Kindergeld erst ab dem dritten Kind. Seit dem 1. März werden pro Kind 40 DM gezahlt. Im Bereich der Sozialleistungen treten 1959 keine grundlegenden Änderungen ein. Die Altersrenten werden um 5,9% angehoben und liegen damit um 1% höher als die durchschnittlichen Tarifabschlüsse des Jahres.