Neue Akzente im Städtebau

Architektur 1959:

Am Ende der 50er Jahre deutet sich in der Bundesrepublik ein Trend in der Stadtplanung an, der sich in den folgenden Jahren noch deutlich verstärkt und der einen bislang unbekannten Umbau der städtischen Nutzungsflächen mit sich bringt. Verwaltungen und andere Dienstleistungsbetriebe erobern die teuren Citylagen und drängen die Wohnbevölkerung in zunehmendem Maße ins Umland, wo Trabantenstädte entstehen, in denen die Menschen nur noch wohnen, aber nicht mehr arbeiten. Ein klassisches Beispiel für diese Siedlungsform ist die im Zeilenbau angelegte Neue Vahr in Bremen, wo nach dem Entwurf des finnischen Architekten Alvar Aalto zwischen 1959 und 1962 Wohnhochhäuser errichtet werden, die ihre Südseite fächerförmig der Sonne öffnen.

In Frankfurt am Main beginnen Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann mit dem Bau der Nordweststadt, in der Lebens- und Arbeitsbereiche streng voneinander getrennt sind; viele Einrichtungen, z. B. Einkaufszentren, sind ausgelagert und fast nur mit dem Auto zu erreichen.

Spätestens auf der Interbau 1957 in Berlin (West) wurde klar, dass die europäische Architektur keinen einheitlichen Stil mehr aufweist. Speziell in der Bundesrepublik kommt hinzu, dass jegliche kontinuierliche Entwicklung, die auf den Experimenten der Weimarer Republik (z. B. des Bauhauses) hätte aufbauen können, durch den Nationalsozialismus verhindert wurde. Von den modernen Architekten der 20er Jahre, die nicht zu emigrieren gezwungen waren, leben noch Hans Scharoun, Max Taut und die Brüder Wassili und Hans Luckardt. Alle vier gehen jedoch höchst eigene Wege und fühlen sich nicht berufen, dem Wiederaufbau eine einheitliche Richtung zu geben.

Mit dem Aufschwung der Wirtschaft, der Qualitätsverbesserung der Materialien und den steigenden Löhnen für Handwerker zeichnet sich nun auch in der Bundesrepublik die Tendenz zu einer hochindustrialisierten Architektur ab, die mit maschinell vorgefertigten Bauteilen arbeitet. Einige Architekten spielen in geradezu provokatorischer Absicht mit diesem modernen Repertoire, so z. B. Hans Scharoun bei seinem (nicht ausgeführten) Entwurf für das Staatstheater Kassel. Unter Kritikern, die durchaus zugeben, dass Bühnentechnik, Akustik, Sitz- und Sichtverhältnisse in den neuen Theaterbauten hervorragend bedient werden, kursiert das Wort vom »Kulturbahnhof« oder vom »Warenhaus des Feierabends«. Die Zeitschrift »Das Schönste« fragt: »Sind die Architekten ihrer Zeit voraus oder haben sie die Zeit mißverstanden?«

Eine Übernahme US-amerikanischer Tendenzen findet darüber hinaus vor allem im Hochhausbau statt. So weist etwa das Bürohaus der Mannesmann AG in Düsseldorf eine streng modulare Komposition auf, ist also aus variablen Einzelbauteilen zusammengesetzt. In der Bundesrepublik beruhen solche Konstruktionen jedoch meist nicht – wie in den USA – auf einer industriellen Normung der Bauelemente, sondern lediglich auf der Entscheidung für architektonische Formen. US-Amerikaner bezeichnen dies als nach wie vor »handwerklich«.

Wie auf der ganzen Welt, so entstehen auch in der Bundesrepublik Bauwerke im Stil des sog. Brutalismus, der um 1954 in Großbritannien kreiert wurde. Gebäude dieser Architekturrichtung sind unmittelbar von Material und Funktion der Bauelemente bestimmt, d. h. Konstruktion, Material und technische Installationen bleiben unverhüllt, immer ohne Verputz, weswegen man auch von einer »neuen Ehrlichkeit« des Bauens spricht. Ein Beispiel für diese Stilrichtung aus dem Bereich des Wohnungsbaus ist das Haus des Kölner Architekten Oswald M. Ungers.

Neue Impulse kommen aus Japan, wo vor allem die Architekten Kunio Maekawa, Kenzo Tange und Junzo Sakakura eine neue Variante des Internationalen Stils schaffen, die sich dadurch auszeichnet, dass sie dem Stahlbeton Struktur und Aussehen der traditionellen Holzbauweise verleiht. Herkömmliche Elemente sollen so für die moderne Gesellschaft nutzbar gemacht werden.