Trapez- und Fasslinie aktuell

Mode 1959:

Ein Jahr nachdem Yves Saint Laurent seine noch immer erfolgreiche Trapezlinie vorgestellt hat, verkündet der Nachfolger Christian Diors nun: »Die Taille ist wieder da!«

»Die neue Linie ist extravagant und anspruchsvoll. Gerader, enger Rock und Faßlinie werden in einem Doppelrock kombiniert. Der untere Rock bleibt eng und knielang, während der obere, etwas weitere Faßlinien-Rock kürzer und um den Saum eingezogen ist. Die Taille ist durch einen breiten Gürtel hervorgehoben. Für die neuen Modelle bevorzugt Saint Laurent dunkle Farben wie Anthrazit, Grau und Schwarz«, heißt es in der Zeitschrift »burda Moden«.

Beide konträre Linien – Trapez- und Fasslinie – werden in jeder erdenklichen Weise variiert. Die italienischen Couturiers verbinden oftmals beide, indem sie vorne die Weite der Trapez- oder Zeltlinie durch einen hochliegenden breiten Gürtel zusammenfassen und nur im Rücken die Weite betonen. Der sehr aparte Doppelrock setzt sich besonders bei damenhaften Cocktailkleidern durch. Tageskleidern gibt die hohe Taille eine empirehafte Linie, an die der Fasslinien-Rock angekraust ist. Die Saumlänge ist bedeutend kürzer als im Vorjahr, d. h. gerade kniebedeckend. Sommerliche Nachmittags- und Abendkleider haben ein tiefes Dekolleté, das von einem breiten Kragen gerahmt wird. Dazu ist das Bolero aktuell. Die Kostüme weisen taillenkurze, gerade Jacken und gerade enge Röcke auf. Das Chanel-Kostüm ist sehr en vogue.

Mäntel präsentieren sich in der modischen Zeltlinie oder einer antaillierten Prinzesslinie. Dazu sind halsferne Kragen aktuell. Die Stoffe – auch für Kleider – machen einen rauen Eindruck. Es sind Loop-Mohair, Woll-Crepe, griffige Cotelé- und Shetlandwolle, Woll-Bouclé und Tweed; im Sommer Leinen, Gabardine und Popeline, das »rapid-iron« ausgerüstet ist und bügeln überflüssig macht. Im Frühjahr ist zartes Lila neben anderen Pastellfarben modern, während sich im Herbst die dunklen Farben von Yves Saint Laurent durchsetzen.

»Die Hüte gleichen wahrlich Lampenschirmen«, meint ein Kritiker. Es sind große Glocken mit einem breiten Hutband und vorne einer großen Rosette. Wenn die Kopfbedeckung der kunstvollen Frisur nur schaden würde, greift die Trägerin zu dünnen Perlon-Kopftüchern, die auf die Frisur gelegt, vorne um den Hals geschlungen und hinten geknotet werden.

Neben der französischen Haute Couture und der italienischen Alta Moda, die durch die Eröffnung des Hauses Valentino bereichert wird, behaupten sich die Westberliner Modeschöpfer wie Heinz Oestergaard, (Gerd) Staebe, (Hans) Seger, Detlev Albers, Günter Brosda und der neu hinzugekommene Uli Richter. In München sind es Heinz Schulze-Varell und Werner Wunderlich neben den für ihre betont jugendliche Mode in aller Welt berühmten Bessie Becker und Felicitas Queisser.

Sportmode dagegen kauft man bei Bogner, dessen Keilhosen in den Vereinigten Staaten als »the Bogner’s« bekannt sind.

Der Teenager dagegen trägt je nach Typ und sozialer Herkunft Pferdeschwanz und Petticoat oder kurze »Mausezähnchen«-Frisur und Freizeit-Jeans oder als »Halbstarken«-Braut schwarze Kleidung aus Leder bzw. Skai. Noch so gut wie unbekannt bleiben die revolutionären Modeskizzen von Mary Quant, die 1959 ihre Boutique eröffnet und Mini-Hängerkleidchen vorschlägt. Die Allroundbekleidung des Herrn ist weiterhin der Sakkoanzug. Tagsüber in dezenten Farben und leicht gemustert, wird er abends – in Gesellschaft oder im Theater – in Schwarz oder Dunkelblau, eventuell mit dünnem Nadelstreif, getragen. Die Sakkos sind leicht tailliert, haben drei Knöpfe, von denen nur der unterste geschlossen wird. Der Einreiher ist Favorit. Für den Sommer gibt es Anzüge aus Terylene, dem man »wunderbare Knitterfestigkeit und Unempfindlichkeit gegen Nässe und Schmutz« nachsagt. Dazu werden knitter- und bügelfreie Nylonhemden getragen.

Die Mäntel sind bequem und überweit und geben dem Träger ein kastenförmiges Aussehen. Im Winter sind die Popelinemäntel mit einem einknöpfbaren Pelz- oder Kamelhaarfutter versehen.

Die dandyhaft (aber mit billigen Stoffen) angezogenen Teddy-Boys stehen in Gegensatz zu den in schwarzes Leder gekleideten »Halbstarken«. Beider Idole sind Stars wie James Dean und Marlon Brando, Elvis Presley und Bill Haley, die jeder für sich einen eigenen »Look« lancieren. Allen gemeinsam sind die von Brillantine glänzenden Haare, die Rock’n’Roller Bill Haley zur »Schmachtlocke« frisiert.