Bundesbahn reagiert auf Konkurrenzdruck

Verkehr 1960:

Im Jahr des 125-jährigen Jubiläums der Eisenbahn in Deutschland begegnet die Deutsche Bundesbahn (DB) der verschärften Konkurrenz durch den Luft- und Straßenverkehr mit strukturellen und technischen Veränderungen ihrer Betriebsabläufe.

Die Zahl der Dampflokomotiven hat sich seit 1950 von etwa 12 000 auf 7235 reduziert. Im gleichen Zeitraum ist die Anzahl der elektrisch betriebenen Lokomotiven in der Bundesrepublik von rund 450 auf 1010 angestiegen, die der Dieselloks von rund 150 auf 980. Von den insgesamt 36 028 Bahnkilometern sind inzwischen allerdings erst 3722 für den elektrischen Betrieb geeignet. Wurde der Personenverkehr schon 1957 mit der Einführung des Trans-Europa-Express (TEE) grenzüberschreitend organisiert, so verkehren seit 1960 auch internationale Schnellgüterzüge zwischen den bedeutenden Wirtschaftszentren in Europa. Die Trans-Europa-Express-Merchandises (TEEM) sind mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h um 20 km/h schneller als herkömmliche Güterzüge.

Durch Rationalisierung und Personaleinsparungen hofft die DB, langfristig konkurrenzfähig zu bleiben. Gegenüber 1958 (5505 204 Mitarbeiter) wurde der Personalstand um knapp 30 000 Personen abgebaut. Im Vergleich zum Vorjahr konnte das Defizit der DB von 357 Mio. DM auf 13,5 Mio. DM reduziert werden. Drastische Tariferhöhungen (die Sätze im Expressgüterverkehr werden am 1. November um 26% angehoben) sollen die Defizite weiter nach unten treiben.

Mit der Verabschiedung des Straßenbaufinanzierungsgesetzes am 9. März und der Aufstellung eines Vierjahresplans zur Deckung des Straßenbaubedarfs reagiert der Bundestag in Bonn auf die zunehmende Verkehrsdichte auf den Straßen. Die gegenwärtig 2545 Autobahnkilometer sollen bis 1962 um weitere 342 km ausgebaut werden. Die Bundesrepublik steht mit einem Bestand an, Kraftfahrzeugen von 7,9 Mio. Stück (ohne Mopeds) hinter den USA, Frankreich und Großbritannien im weltweiten Vergleich an vierter Stelle.

Waren noch 1950 von 1000 Bundesbürgern nur elf im Besitz eines Kraftfahrzeuges, so sind es 1960 bereits 70 Einwohner. Mit der zunehmenden Motorisierung steigt auch die Zahl der Unfälle. 1960 werden 14 107 (1959: 13 539 ) Menschen im Straßenverkehr getötet, nahezu ein Drittel davon sind Fußgänger. Die Gesamtzahl der Verkehrsunfälle steigt auf 946 914 gegenüber 804 916 im Vorjahr.

Mit dem ersten Tempolimit in der Bundesrepublik zu Pfingsten soll untersucht werden, ob diese Maßnahme sich auf die Unfallhäufigkeit auswirkt. Einige Städte dagegen, wie etwa Hamburg, setzen die innerörtliche Höchstgeschwindigkeit von 50 auf 60 km/h herauf, um auf Verbindungsstraßen einen besseren Verkehrsfluss zu erreichen. In Kassel wird das Experiment, alle Vorfahrtsschilder durch eine Rechts-vor-Links-Regelung zu ersetzen, wieder abgebrochen.

An fast allen Volks- und Mittelschulen gehört die Verkehrserziehung zum Unterrichtskanon. 1960 werden eigens für diesen Zweck etwa 500 sog. Verkehrszimmer eingerichtet. Rund 26 000 Mädchen und Jungen versehen den freiwilligen Dienst als Schülerlotsen.