Mit Hausfrauen gegen Lehrermangel an deutschen Schulen

Bildung 1960:

Die bildungspolitische Diskussion in der Bundesrepublik orientiert sich 1960 im Wesentlichen an dem im Vorjahr vom Deutschen Ausschuss für Bildungs- und Erziehungswesen vorgelegten Rahmenplan für eine Schulreform. Die hier geforderte Verlängerung der Volks- und Mittelschulzeiten steht allerdings in krassem Gegensatz zur krisenhaften Situation im Schulwesen. Gravierender Lehrermangel, überfüllte Klassenräume sowie eine unzureichende Ausstattung mit modernen Lehrmitteln sind schlechte Voraussetzungen für eine Verwirklichung der Reform. Die Fortführung des »Wirtschaftswunders« jedoch erfordert eine grundlegende Verbesserung der schulischen und universitären Ausbildung. Der ungenügenden Qualifikation des Nachwuchses für die Hochschulen und Universitäten begegnen die Kultusminister der Länder mit ihrer am 29. September verabschiedeten Rahmenvereinbarung über die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufen.

Die in den einzelnen Bundesländern völlig unterschiedlich ausgebauten Realschulen (Mittelschulen) werden zunehmend organisatorisch verselbstständigt und quantitativ verstärkt. Waren noch im Schuljahr 1952/53 nur 4,81% aller 13-jährigen Kinder Besucher einer Realschule, so sind es 1960/61 bereits 9,26%. Der sechsjährige Realschultyp, im Anschluss an vier Jahre Volksschule, setzt sich in den meisten Ländern als nunmehr anerkanntes drittes Glied im Schulsystem durch.

Die hessische SPD-Landesregierung forciert den Ausbau der zentralen Mittelpunktschulen in ländlichen Gebieten, um das niedrige Niveau der dörflichen »Zwergschulen« anzuheben und der leistungsstärkeren Konkurrenz in den Städten anzupassen. Die CDU sieht hierin den Versuch, ein gleichgeschaltetes Schulsystem nach DDR-Muster zu schaffen.

Auf überwiegend spöttische Kritik stößt in Fachkreisen die niedersächsische Initiative, über Zeitungsanzeigen Hausfrauen ohne Lehrerausbildung für den Schuldienst zu gewinnen. Für das nach einem Kabinettsbeschluss eingeführte neunte Volksschuljahr sollen, in Anbetracht des Mangels an professionellen Pädagogen, Aushilfslehrerinnen mit gutbürgerlicher Reputation in Schnellkursen für den Lehrberuf ausgebildet werden. Die Lehrerverbände wenden sich entschieden gegen diesen »pädagogischen Volkssturm«.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände (AGDL) legt im Juni auf ihrem Kongress in Bremen einen Gesamtplan zur Neugestaltung des deutschen Bildungswesens vor. Der »Bremer Plan« spricht erstmals die entschiedene Forderung nach der Einführung einer Gesamtschule aus. Die vertikale Dreigliedrigkeit des Schulsystems soll durch eine dynamische, horizontale Organisation des Bildungswesens abgelöst werden. Soziale Gleichwertigkeit und die Förderung individueller Fähigkeiten sind die Maximen der den Rahmenplan von 1959 ergänzenden Forderungen des AGDL-Programms, das allerdings nicht von der Mehrheit der Lehrerschaft getragen wird.

Der Deutsche Wissenschaftsrat legt am 25. November Bundespräsident Heinrich Lübke (CDU) eine über 500 Seiten umfassende Empfehlung zum Ausbau der wissenschaftlichen Hochschulen vor. Die Denkschrift fordert bis Mitte der 60er Jahre die Einrichtung von 1200 neuen Lehrstühlen (etwa 39% mehr als 1960) sowie den Neubau von drei Universitäten und einer Technischen Hochschule. Allein für die Neubauten werden Aufwendungen in Höhe von 2,6 Mrd. DM veranschlagt, die je zur Hälfte vom Bund und von den Ländern getragen werden sollen. Der Jahresetat für wissenschaftliches Personal soll bis 1964 um etwa 71%, von jetzt 210 Mio. DM auf 360 Mio. DM, aufgestockt werden. Die jährlichen Sachmittelausgaben für die Institute und Seminare sollen in diesem Zeitraum von 39 Mio. DM sogar um 113% auf 83 Mio. DM ansteigen. Obwohl die von den 39 Mitgliedern des Wissenschaftsrates einstimmig verabschiedeten Empfehlungen keine Vorschläge für eine Hochschulreform beinhalten, werden in dem Papier doch die hierarchischen Strukturen der Lehrkörper an den Universitäten, die umständlichen Berufungsverfahren für die Professoren und die veralteten Lehrpläne kritisiert.

Die Chancen für eine Verwirklichung der finanzaufwendigen Forderungen des Gremiums werden im Allgemeinen als günstig angesehen, weil dem Wissenschaftsrat neben Mitgliedern aller Bundes- und Landesregierungen namhafte Professoren sowie prominente Vertreter der Industrie angehören.