Werbung um neue Arbeitskräfte

Arbeit und Soziales 1960:

Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« glossiert am 14. September die Suche von Arbeitgebern nach neuen Mitarbeitern:

»Es wird versucht, sie mit allen Raffinessen psychologischer Beeinflussung zu verführen, ihren bisherigen Arbeitsplatz zu wechseln. In die Briefkästen wandern reich bebilderte und auf wertvollem Papier gedruckte Prospekte von Unternehmen, Glanzleistungen der Werbeabteilung. Alle Mühe, die früher auf die Erweiterung des Kundenkreises konzentriert wurde, erstreckt sich nun mindestens in gleicher Stärke auf den Arbeitsmarkt. Kurze Arbeitszeiten, übertarifliche Bezahlung … Bäder, hervorragende Casinoverpflegung und freundliche Chefs werden … angepriesen.«

Der öffentliche Dienst ist mit seinen vergleichsweise geringen Gehältern besonders vom Arbeitskräftemangel betroffen. Die Deutsche Bundespost muss in München und Stuttgart sogar Polizeibeamte einsetzen, um eine pünktliche Zustellung der Pakete aufrechtzuerhalten. Mit kräftigen Tariferhöhungen wollen die öffentlichen Arbeitgeber die Attraktivität der Berufe bei Bund, Ländern und Gemeinden verbessern. Unter Beschäftigungslosigkeit leiden lediglich die Beamten der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung in Nürnberg. Jeder Angestellte der Arbeitsverwaltung vermittelt im Tagesdurchschnitt weniger als einem Stellensuchenden einen Arbeitsplatz.

Seit Gründung der Bundesrepublik haben sich die sozialpolitischen Aufwendungen des Staates vervielfacht. Die Leistungen aus der gesetzlichen Sozialversicherung umfassen 1960 mit 40,8 Mrd. DM schon 17,3% des Volkseinkommens. 1949 betrugen die Aufwendungen noch 7,2 Mrd. DM (10,3%) und 1952 12,9 Mrd. DM (12,1%). Der Sozialbericht der Bundesregierung weist für die Sozialversicherungen einen Überschuss von 2,2 Mrd. DM aus (1 Mio. DM mehr als 1959). Die Altersrenten sollen ab 1. Januar 1961 um 5,4% bis zum monatlichen Höchstbetrag von bisher 600 DM auf 637,50 DM erhöht werden.

Die durchschnittlichen Bruttomonatsverdienste steigen bei den männlichen Arbeitern im Vergleich zum Vorjahr um 11,2% auf 610 DM (bei den Frauen um 12,6% auf 378 DM). Ein Arbeiter im Druckgewerbe bringt monatlich 721 DM nach Hause, während in der Tabakindustrie der monatliche Bruttolohn bei 496 DM liegt. Männliche Angestellte in Wirtschaft und Verwaltung verdienen durchschnittlich 749 DM im Monat (Frauen: 435 DM).

Vorreiter für eine drastische Verkürzung der Wochenarbeitszeit ist die Metallindustrie. Im selben Tarifbereich wird eine Beschränkung der Sonntagsarbeit vorbereitet.

Am 9. August tritt das Gesetz zum Schutze der arbeitenden Jugend in Kraft. Es regelt das Mindestbeschäftigungsalter (14 Jahre), Urlaubsansprüche und Unternehmerpflichten für nicht volljährige Arbeitnehmer.