Trotz beginnender Rezession gewinnt „Wirtschaftskanzler“ Erhard die Bundestagswahl

Trotz beginnender Rezession gewinnt „Wirtschaftskanzler“ Erhard die Bundestagswahl
Als Wirtschaftsminister, 25. April 1963, Bundesarchiv, B 145 Bild-F015320-0001 / Patzek, Renate / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1965:

1965 ist ein Jahr der Übergangs. In der Bundesrepublik Deutschland nähert sich die restaurative Phase der Nachkriegszeit ihrem Ende. Wenn der »Kalte Krieg« im geteilten Europa auch noch nicht überwunden ist, so sind doch Anzeichen für eine Entwicklung im Ost-West-Verhältnis zu erkennen.

Die CDU, die seit 1949 unangefochten als stärkste Partei den Regierungschef stellt, kann sich auch bei der Bundestagswahl im September noch einmal mit Ludwig Erhard als Kanzler behaupten. Dennoch bahnt sich das Ende der christdemokratischen Ära an. Die »Adenauer-Zeit« hat die Westintegration der Bundesrepublik bewerkstelligt, das »Wirtschaftswunder« auf den Weg gebracht und Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen integriert. Der Nachfolger Adenauers, Erhard, regiert zu einer Zeit, in der sich das Selbstverständnis des jungen Staates verändert, in der sich aber auch erstmals wirtschaftliche Schwierigkeiten abzeichnen. Die beginnende wirtschaftliche Rezession nimmt dem Baumeister der »sozialen Marktwirtschaft« viel von seinem öffentlichen Glanz: Schon vor der Wahl wird Erhard selbst von manchen Parteifreunden als Fehlbesetzung angesehen. Das schnell aufkommende Wort vom »Wirtschaftskanzler« zeigt an, dass diesem Kanzler die Gestaltung großer Politik nicht zugetraut wird. Mit seinem innenpolitischen Leitslogan von der »formierten Gesellschaft«, den er in seiner Regierungserklärung an exponierter Stelle erläutert, erntet Erhard Unverständnis, ja Heiterkeit bis in die Unternehmerverbände hinein. Dieser Begriff – sosehr er auch in manchen seiner Intentionen missdeutet wurde – passt nicht mehr in das Bild einer sich entfaltenden »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Ralf Dahrendorf), in der jeder sich vom anderen zu unterscheiden sucht.