Bundesländer reformieren Schulwesen

Bildung 1967:

Versuche, das Schulwesen zu reformieren, charakterisieren die bundesdeutsche Bildungspolitik des Jahres 1967.

Das beherrschende Thema des Jahres ist die Umwandlung der staatlichen Bekenntnisschulen in nicht konfessionsgebundene Gemeinschaftsschulen.

Schulpolitik und Bildungswesen sind Sache der Länder, nicht des Bundes. Entsprechend regional unterschiedlich ist der Schulcharakter. In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erhält die Gemeinschaftsschule im Laufe dieses Jahres den Vorrang vor den Bekenntnisschulen, was zu Protesten vor allem vonseiten der katholischen Kirche führt.

Auch in Bayern wird Anfang November 1967 ein von der SPD und FDP gemeinsam angestrengtes Volksbegehren »Christliche Gemeinschaftsschule« erfolgreich abgeschlossen. Dafür trat besonders engagiert die Bildungspolitikerin Hildegard Hamm-Brücher (FDP) ein. Das Ergebnis stimmt mit Meinungsumfragen bundesdeutscher demoskopischer Institute überein, nach denen mehr als drei Viertel der Bevölkerung die Gemeinschaftsschule befürworten.

Insgesamt besuchen 2,9 Millionen Kinder zwischen sechs und 15 Jahren Gemeinschaftsschulen und 2,7 Millionen Schüler staatliche Konfessionsschulen – davon mehr als die Hälfte katholische Kinder. Rund 108 000 Kinder besuchen eine Konfessionsschule der jeweils anderen Konfession. In Bundesländern mit überwiegend katholischer Bevölkerung, so in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, ist die katholische Konfessionsschule der dominierende Schultyp, während in den übrigen sieben Bundesländern die Gemeinschaftsschule Regelschule oder einzige Schulart ist.

Die katholische Kirche reagiert heftig auf die Überführung ihrer Schulen in Gemeinschaftsschulen. Sie beruft sich auf das Reichskonkordat von 1933, das in Artikel 23 der katholischen Kirche »die Beibehaltung und Neueinrichtung katholischer Bekenntnisschulen in Deutschland« garantiert.

Um eine Verbesserung der weiterführenden Schulen bemüht, richtet Rheinland-Pfalz erstmalig im Bundesgebiet an seinen Gymnasien und Realschulen eine »Eingangsstufe« ein, die die und sechste Klasse zu einer pädagogischen Einheit zusammenfasst. Ohne Versetzungsdruck können sich die Schüler zwei Jahre lang auf die Arbeitsweise der neuen Schule einrichten. Erst dann entscheidet sich das Schicksal der Kinder.

Um die »Schule der Zukunft« bemüht sich Berlin (West), das zunächst experimentell eine »Gesamtschule« realisiert, die – an skandinavischen Vorbildern orientiert – alle bisherigen Schultypen zu einem modernen, einheitlichen Schulsystem zusammenfasst. Darüber hinaus bietet die Gesamtschule noch andere Neuerungen: Das sog. Betriebspraktikum, in dem der Schüler einen ersten Kontakt zum Berufsleben knüpfen kann, sowie den fest angestellten Schulpsychologen, der bei Schwierigkeiten der Schüler mit Eltern, Mitschülern und Lehrern qualifiziert unter Einbeziehung aller Beteiligten Hilfe leistet.