Praktische Wohnlichkeit und Ästhetik

Praktische Wohnlichkeit und Ästhetik
Wohnhäuser der Habitat 67. Taxiarchos228 at the German language Wikipedia [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Architektur 1967:

In den bundesdeutschen Großstädten entstehen auch 1967 trostlose Wohnblocks, deren schmucklose Fassaden in gleichförmige Fenster- und Balkonreihen zerschnitten sind, während am Stadtrand Eigenheimkolonien und Reihenhäuser gebaut werden.

Rund 20 Millionen Wohnungen gibt es 1967 in der Bundesrepublik, am 24. November wird die zehnmillionste Wohnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg fertiggestellt wird, in Kiel-Mettendorf übergeben. Der Wohnungsbedarf reduziert sich jedoch zunehmend, das Verlangen nach mehr Wohnqualität wächst proportional. 1967 steigt die durchschnittliche Wohnfläche von 80,5 m2 pro Wohnung im Vorjahr auf 82 m2. In einer Wohnung leben durchschnittlich drei Personen, 1950 waren es noch 4,8.

Das Bedürfnis der Menschen nach mehr Lebensqualität im Wohnbereich setzt sich in Bezug auf Stadtplanung und Architektur durch. Wie in den Vereinigten Staaten ist eine Tendenz der Stadtplaner zu verzeichnen, die Innenstädte wieder mehr als Wohnraum zu nutzen, sie damit kulturell zu beleben und den Menschen lange Anfahrtswege zu ihrem Arbeitsplatz zu ersparen. Beispiele für dieses Bemühen um eine städtebauliche, in sich geschlossene Einheit sind die Entlastungsstadt München-Perlach und das Alster-Zentrum in Hamburg. Hier wird sowohl dem Wohnungsbedarf – in Perlach entstehen 20 000 Wohnungen für 80 000 Menschen – als auch der neuen Wohnkonzeption Rechnung getragen.

Auch architektonisch bemüht man sich um die Synthese von Bedarf und Qualität. Als zukunftsweisend wird das Wohnprojekt des israelisch-kanadischen Architekten Moshe Safdie bezeichnet, der auf der Weltausstellung »Expo 67« in Montreal (<!– 28.4.1967–>) sein Bauwerk Habitat 67 vorstellt. Die pyramidenförmig hochgetürmte Wohnsiedlung gleicht einem pittoresken Gestade am Mittelmeer. Der 29-jährige Architekt nimmt das Prinzip der Vorfabrikation des französisch-schweizerischen Architekten Le Corbusier auf, d.h., das Haus wird im Baukastensystem aus Fertigteilen zusammengesetzt. Habitat 67 ist aus 354 genormten Betonboxen konstruiert und schafft 158 Wohneinheiten von unterschiedlichster Größe. Außer kompletten Kücheneinrichtungen enthalten die Wohnungen Einbauschränke und werden auf Wunsch per Klimaanlage das ganze Jahr belüftet.

Auch die bundesdeutschen Architekten Frei Otto und Rolf Gutbrod bemühen sich um ästhetische Bauweise. Mit dem von ihnen entwickelten Stahlnetz-Zelt, das ebenfalls in Montreal zu sehen ist, geben sie neue Impulse.