Gesund soll es sein

Ernährung, Essen und Trinken 1997:

Der Trend zum gesundheitsbewussten Essen hält auch 1997 an. Verunsichert durch den Skandal um BSE-verseuchtes Rindfleisch, greifen Verbraucher verstärkt zum Gemüse. Während der Fleischverbrauch im Vergleich zum Vorjahr von 61,2 auf 60,5 kg zurückgeht – bei einer Verschiebung zuungunsten von Rind-, Kalb- und Schweinefleisch hin zu Geflügel und Lamm -, nimmt der Verzehr von Gemüse im Wirtschaftsjahr 1997 (April 1996 bis März 1997) um 2,5% auf 88,2 kg (inklusive Tiefkühlkost und Gemüsekonserven) zu.

Die deutschen Filialen der internationalen Fastfood-Ketten reagieren auf den Wandel in den Ernährungsgewohnheiten: Zum Jahresbeginn 1997 führt Burger King einen sog. Country-Burger ein, der statt Rindfleisch einen Getreide-Gemüse-Bratling enthält. Die Schnellrestaurantkette McDonald’s zieht bald nach.

Eher um Tradition als um Gesundheit geht es in einem Streit zwischen den französischen Spitzenköchen, der im Sommer die Gemüter erhitzt und sogar zu einem Austritt von 20 Küchenchefs aus dem Verband »Chambre syndicale de la haute cuisine française« führt. Diese Köche, die ihre Aufgabe nicht allein in der Neuinterpretation herkömmlicher französischer Rezepte sehen, mussten sich als Anhänger einer »McWorld-Cuisine« beschimpfen lassen.

Auf einem Nebenschauplatz greift Staatspräsident Jacques Chirac in den Streit ein. Er erklärt auf einem Neujahrsempfang das Baguette, das traditionelle französische Weißbrot, zum nationalen Kulturgut und warnt vor Brot aus Großbäckereien, das nicht mehr allein aus Mehl, Wasser, Hefe und Salz besteht, sondern auch Konservierungsstoffe und »Weißmacher« enthält. »Boulangerie« (Bäckerei) dürfen sich in Frankreich nur noch Betriebe nennen, die den Teig ihrer Brote selbst rühren, kneten, formen und backen, statt lediglich (wie beim

Shop-in-shop der Supermarktketten) die fertigen Backwaren zu verkaufen.

Während in Frankreich die Köche ihren Prinzipienstreit auch vor der TV-Kamera austragen, herrscht in den immer beliebter werdenden Koch-Sendungen in den deutschen Sendern eitel Harmonie. Dies gilt auch für die zu Jahresbeginn neu gestartete Serie »Zu Gast bei Christiane Herzog«, in der die Frau des Bundespräsidenten, eine ausgebildete Hauswirtschafterin, im Berliner Schloss Bellevue jeweils mit zwei prominenten Gästen vor den Objektiven der Kamera kocht. Mit dabei sind in der ersten Staffel u. a. der Pianist Justus Frantz, Showmaster Thomas Gottschalk, Rennfahrer Michael Schumacher und »Tagesthemen«-Moderator Ulrich Wickert. Hauptgrund für den Auftritt Christiane Herzogs ist ihr soziales Engagement. Sie will den Verkauf ihres 1996 auf den Markt gekommenen Kochbuchs steigern, von dem pro Exemplar 4 DM an eine Stiftung zugunsten von Mukoviszidose-Patienten geht; Herzog ist Schirmherrin der Stiftung.

Da in Deutschland der Wettbewerb im Lebensmittelhandel vor allem über den Preis ausgetragen wird, bleiben Nahrungsmittel und Getränke von der Inflation weitgehend unberührt. Seit Jahrzehnten ist der Anteil der Ausgaben für die Ernährung im Gesamtbudget der privaten Haushalte rückläufig: Gaben die Privathaushalte 1962 noch fast jede dritte Mark (31,8%) für das leibliche Wohl aus, so sind es 1997 nur noch 16,8%.

Europäische Vereinigungsbemühungen schlagen sich auch in veränderten Kennzeichnungen von Lebensmitteln nieder. So gilt seit Anfang 1997 für Eier anstelle der bisher in Deutschland üblichen Einteilung in sieben Handelsklassen nun eine Einteilung in vier Gewichtskategorien, die sich an T-Shirt-Größen orientiert. Europäisch einheitlich soll es künftig auch bei der Kennzeichnung von Nahrungsmitteln mit gentechnisch veränderten Bestandteilen und anderem Novel food zugehen.