Hohe Bauformen, Micro-Vans und »zivile« Geländewagen

Auto und Verkehr 1997:

Die deutsche Automobilindustrie verzeichnet 1997 nach einigen Jahren der Stagnation wieder einen Anstieg in der Produktion. Mit 5,022 Mio. Einheiten wird die Marke des Boomjahrs 1992 fast erreicht. Nimmt man die Produktion der Auslandswerke hinzu, so sind 3,12 Mio. Fahrzeuge zu addieren.

Die Neuzulassungen im Inland bleiben fast konstant (+ 0,9%). Von 3,528 Mio. Personenwagen und Kombis entfallen rund 1,2 Mio. auf Importfahrzeuge. Der Marktanteil der Importe liegt demnach bei 34%.

Marktführer bei den Neuzulassungen bleiben die Marken der VW-Gruppe, wobei die Marke VW allerdings einen Rückgang von 3,7% gegenüber 1996 verzeichnet. Die weitere Rangfolge (Opel, Ford, Mercedes, BMW) verändert sich nicht. Als Bestseller etablieren sich VW Golf, Opel Astra und Corsa, VW Passat, Opel Vectra, VW Polo vor der Mercedes C- und E-Klasse. Unter den Importfahrzeugen behauptet sich Renault vor Fiat. Bei den japanischen Marken schiebt sich Toyota vor Nissan. Die hohen Absatzerwartungen der Koreaner werden nicht erfüllt, jedoch lässt ein starkes Engagement auf den zukunftsträchtigen Märkten Osteuropas die Strategie der Koreaner erkennen.

Die schon im Vorjahr vorgestellte Version Scénic des Renault Mégane wird von den europäischen Motorjournalisten zum »Auto des Jahres« gewählt.

Toyota entscheidet sich für einen Fabrikneubau innerhalb der EU mit Standort in Frankreich. Dem Zug zu einer Produktion im Hauptmarkt folgt auch Mercedes-Benz mit einem neuen Werk in den USA. Hier wird der neue Geländewagen vom Typ ML hergestellt, dessen größte Verkaufschancen man in Nordamerika sieht. Der südamerikanische Markt wird von Herstellern verstärkt in die Produktion einbezogen. So wird die Kombiausführung Weekend des Fiat Palio in Brasilien für den weltweiten Vertrieb gefertigt.

Die Umorientierung der Käufergunst bei den Fahrzeuggattungen hält an. So geben die herkömmlichen Limousinen mit Stufenheck weiter Marktanteile an Steilheck- und Kombiversionen ab. Einen konsequenten Bruch mit der traditionellen Form vollzieht das Modell A von Mercedes-Benz. Es zeigt im äußeren Erscheinungsbild die Tendenz zu einer höheren Bauform und bietet große Variationsmöglichkeiten des Innenraums. Der Mut des Unternehmens zu dieser radikalen Neuerung wird allerdings durch den ungünstigen Verlauf einer Testfahrt eher bestraft. Durch erforderliche Konstruktionsänderungen verschiebt sich die Auslieferung des Wagens. Volkswagens Bestseller kommt als Golf IV auf den Markt und hält an herkömmlicher Gestaltung fest. Die VW-Gruppe präsentiert den noch unter dem Polo angesiedelten Seat Arosa, der aber nicht in Spanien, sondern im Wolfsburger Stammwerk gebaut wird. Er lässt erahnen, was unter dem Markenzeichen VW in dieser Klasse zu erwarten ist. Porsche stellt das Traditionsmodell 911 mit Wasserkühlung vor, an der Karosserie werden nur geringfügige Retuschen vorgenommen. Auf Basis des Fiesta lanciert Ford unter der Bezeichnung Puma ein flottes Coupé. An alte Traditionen knüpft Alfa Romeo mit dem Typ 156 an. Bei ihm kommt erstmals die unter der Bezeichnung »Common Rail« von Fiat und Bosch entwickelte neue Diesel-Direkteinspritzung zum Einbau.

Das Segment der Mehrzweckfahrzeuge (Mini-Vans) erhält durch die sog. Micro-Vans Verstärkung. Diese bieten ein geringeres Platzangebot, jedoch ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten zur Veränderung des Innenraums. Der Renault Mégane Scénic lässt dabei noch deutliche Anklänge an das konventionelle Personenwagen-Layout erkennen. Noch etwas konsequenter ist beim Toyota Picnic die Priorität auf Platz zu erkennen. Renault Kangoo und Citroën Berlingo knüpfen an klassische französische Vorbilder an. Das Prinzip des »Raumwagens« ist besonders in der Kastenform beim Daihatsu Move und dem Suzuki WagonR zu erkennen. Nach einem Einbruch im Segment der Geländewagen ist hier eine neue Philosophie zu erkennen. Sie bedeutet eine Abkehr von der bedingungslosen »Offroad«-Mentalität und die Hinwendung zu etwas zivileren Erscheinungsformen.

Toyota bietet – vorerst nur für den einheimischen Markt – mit dem Modell Prius den ersten serienmäßig hergestellten Personenwagen mit Hybridantrieb: Ein mit einem Elektromotor kombinierter Benzin-/Dieselmotor übernimmt den Vortrieb. Die auf Ausstellungen gezeigten Hybrid-Systeme anderer Hersteller lassen vermuten, dass diese Antriebsart bei den Bestrebungen zur Abgasminimierung eine Rolle spielen wird.