Reiselustige Bundesbürger auf Schnäppchenjagd

Urlaub und Freizeit 1997:

Hohe Arbeitslosigkeit und sinkende Reallöhne schlagen 1997 deutlich auf dem deutschen Reisemarkt durch. Zwar ist die Reiselust der Deutschen ungebrochen, doch es wird trotzdem am Urlaub gespart. Die Reisedauer wird kürzer, und Billigangebote haben Hochkonjunktur. Wurden 1996 noch durchschnittlich 1362 DM pro Ferienreise ausgegeben, so sind es 1997 nur noch 1300 DM. Die Anbieter haben sich rasch auf die neue Situation eingestellt: Besonders umworben werden dabei Familien, die – wenn sie schulpflichtige Kinder haben – auf die teure Hochsaison angewiesen sind und in dieser Zeit das Gros der Pauschalreisenden bilden. Den Startschuss hat 1996 Neckermann mit seinem Spezialkatalog »Family« gegeben. Die anderen großen Veranstalter ziehen 1997 nach. Geworben wird mit »knallhart kalkulierten Preisen«, Rabatt für Frühbucher und Kinderfestpreisen, die nun oft auch für mehrere Sprösslinge und für die Kinder von Alleinreisenden gelten.

Auf diese Weise hoffen die Reiseanbieter auch, die Urlauber zu einer möglichst frühzeitigen Buchung zu bewegen und den immer stärkeren Trend zur Last-Minute-Reise zu stoppen. Dieses Angebot, mit dem die Veranstalter lange im Voraus bestellte Flüge und Hotelbetten in letzter Minute noch an den Mann bringen, macht inzwischen etwa 12% des Geschäftsvolumens aus. Die Zahl der Last-Minute-Reisen hat sich innerhalb von drei Jahren vervierfacht.

Allerdings gibt es auf dem Reisemarkt auch den gegenläufigen Trend zum immer exklusiveren Urlaub. Wer es sich leisten kann, lässt sich individuelle Reiseplanung und Betreuung gern etwas kosten. Eines der ganz besonderen Reiseziele steht allerdings vorerst noch in den Sternen: Urlaub im Weltraumhotel. Doch die Planungen sind bereits in vollem Gange. In gut 20 Jahren, so schätzen Teilnehmer eines Symposiums zum Thema Weltraumreisen, das im März in Bremen veranstaltet wird, gibt es die Pauschalreise ins All. Entwürfe für ein Weltraumhotel liegen in Japan bereits vor. In Russland, den USA und Japan arbeiten Raumfahrtunternehmen an der Entwicklung geeigneter Transportsysteme. Der Preis für einen Trip ins All wird sich nach der Zahl der Teilnehmer richten. Bei jährlich 500 000 Touristen, so rechnen die Experten, könnten die Tickets bereits ab 20 000 Dollar verkauft werden.

Bei den Reisezielen schneidet Deutschland 1997 nicht besonders gut ab. Bei einer Umfrage geben nur 26% der Reisewilligen an, dass sie im eigenen Land bleiben werden. Seit 1992 hat die Zahl der Deutschen, die zwischen Nordsee und Alpen Ferien machen, um 12% abgenommen. Unter den ausländischen Destinationen stehen Spanien (13%), Österreich und Italien (je 8%) ganz oben. Nordamerika und die Karibik sind immerhin noch für je 3% der Befragten Ziel des nächsten Urlaubs. Neben dem Wetter und dem Fernweh spielt bei der Entscheidung gegen den Deutschland-Urlaub der Preis eine erhebliche Rolle. Trotz längerer Anreise sind Auslandsaufenthalte häufig billiger. Sehr zum Leidwesen der Tourismuswirtschaft kommen aber auch immer weniger Ausländer nach Deutschland. Von 1990 bis 1996 ging die Zahl der Gäste aus anderen Ländern um 13% zurück, während der Tourismus weltweit um 20% zunahm. Unter den europäischen Reiseländern nimmt Deutschland mit 18 Mrd. DM Deviseneinnahmen von ausländischen Touristen den letzten Platz ein. Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt sieht die Ursachen für diese Tendenz in mangelndem Service. Die Dienstleistungen der Tourismusbranche seien zu wenig kundenorientiert. Reisende müssten häufig jede Einzelheit ihres Aufenthalts selbst organisieren. Informationsbüros hätten zu kurze Öffnungszeiten, so dass Interessierte vor allem am Wochenende vielerorts keinen Ansprechpartner fänden.

Da die Dauer der Ferienreisen immer weiter zurückgeht – durchschnittlich auf weniger als 14 Tage pro Jahr -, andererseits aber vielen Arbeitnehmern in Deutschland sechs Wochen Urlaub zur Verfügung stehen, wächst die Zahl der Angebote für Ausflüge und Kurzreisen mit hohem Erlebniswert. Ein Wochenendtrip in die Musical-Metropolen der Republik, eine Stippvisite in einem Freizeit- und Erlebnispark oder der Tagesausflug in ein Spaßbad gehören schon zum Standardrepertoire. In diesem Bereich tun sich weitere enorme Wachstumsraten auf, wenn eine aus Japan übernommene Freizeitidee in Deutschland Fuß fasst. Die Japaner sind Weltmeister in der Entwicklung künstlicher Erlebniswelten. In Deutschland gibt es bislang eine derartige Freizeitanlage in Bispingen/Lüneburger Heide. Die 1995 eröffnete überdachte Tropenlandschaft ist in der Saison 1996/97 zu 90% ausgelastet.