Ruf nach neuem Aufbruch in Schule und Hochschule

Bildung 1997:

Proteste gegen die schlechten Studienbedingungen an den Hochschulen und Forderungen nach einer grundlegenden Reform des Bildungssystems bestimmen 1997 die Diskussion in Deutschland. Bundespräsident Roman Herzog greift im November 1997 mit einer Grundsatzrede aktiv in die Debatte ein. Das deutsche Staatsoberhaupt, früher selbst Hochschullehrer im Fach Jura, fordert einen »neuen Aufbruch« in der Bildungspolitik. Zu den Kernforderungen Herzogs gehören die Schaffung eines wertorientierten, fachbezogenen, international ausgerichteten Unterrichtssystems, die Förderung von Wettbewerb zwischen den Bildungseinrichtungen sowie eine kürzere Schul- und Studienzeit.

Die Studenten, die im November zu Zehntausenden auf die Straße gehen, um ihrem Protest gegen die materielle Vernachlässigung der Universitäten und die Sparmaßnahmen im Hochschulbereich Ausdruck zu verleihen – allein an der zentralen Kundgebung in Bonn am 27. November nehmen 40 000 Demonstranten teil -, sehen sich durch die Rede des Bundespräsidenten gestärkt. Die protestierenden Studenten sprechen sich u. a. gegen eine Einführung von Studiengebühren aus und fordern, hierfür ein ausdrückliches Verbot im neuen Hochschulrahmengesetz zu verankern, zu dem das Bundesbildungsministerium 1997 einen Entwurf vorlegt. Die Verabschiedung des Gesetzes, das keinen Passus über mögliche Gebühren enthält, scheitert 1998 im Bundesrat zunächst am Widerstand der mit den Studenten konformgehenden SPD-regierten Länder, doch der Einspruch wird vom Bundestag mit Kanzlermehrheit zurückgewiesen.

Auch ohne das neue Hochschulrahmengesetz unternehmen die Bundesländer eigene Bemühungen zur Reform der Ausbildung an Universitäten und Fachhochschulen. Sie zielen auf eine stärkere Vergabe von finanziellen Mitteln nach Leistung, eine leistungsabhängige Besoldung der Professoren, die Einführung von international anerkannten Abschlüssen wie Bachelor und Masters sowie eine größere Etat-Autonomie der Hochschulen. Vorgesehen sind aber auch Stelleneinsparungen und die Möglichkeit, dass Universitäten einen gewissen Anteil von Studienbewerbern in Numerus-clausus-Fächern nach eigenen Kriterien auswählen können.

Ansätze zu Veränderungen sind auch im schulischen Bereich verschiedentlich zu erkennen. So treten zum Schuljahresbeginn 1997/ 98 bundesweit Neuregelungen zum Abitur in Kraft, auf die sich die Kultusminister der Länder im Vorjahr verständigt haben. Sie sehen eine Stärkung des sog. Kernbereiches – Deutsch, Fremdsprache und Mathematik – zuungunsten einer allzu großen Wahlfreiheit der Oberstufenschüler vor, um das Reifezeugnis aufzuwerten und die Studierfähigkeit der Abiturienten zu verbessern. Eher als eine sozial- denn bildungspolitische Maßnahme wird vielfach die verlässliche Halbtags-Grundschule bewertet, die in mehreren Bundesländern schrittweise eingeführt wird. Zwar betonen die Bildungspolitiker, dass diese Maßnahme vor allem dazu dienen solle, den Unterrichtsvormittag für die Grundschüler abwechslungsreicher und mit einem Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung kindgerechter zu gestalten, doch viele berufstätige Eltern begrüßen die Einführung verbindlicher täglicher Unterrichtszeiten von 8 bis 12 bzw. 13 Uhr in erster Linie, weil ihnen damit die Organisation ihres Alltags erleichtert wird. Innerhalb der Lehrerschaft trifft die verlässliche Halbtagsgrundschule vor allem deshalb auf massiven Protest, weil sie in der Regel kostenneutral eingeführt wird. Die zusätzlichen Mittel, die in den Grundschulbereich fließen, werden von anderen Schulen abgezogen – mit der Konsequenz, dass die Klassenfrequenzen steigen, Lehrer anderer Schulformen gegen ihren Willen an die Grundschule versetzt werden und allgemein die Arbeitszeit für Lehrer verlängert wird.

Ein lange überwunden geglaubtes Thema wird Mitte der 90er Jahre unter neuen Gesichtspunkten diskutiert: Die Koedukation, die schon in den 60er Jahren an fast allen allgemeinbildenden Schulen in Deutschland eingeführt worden ist. Bildungspolitikerinnen verschiedener Bundesländer, darunter die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Annette Schavan (CDU), und ihre SPD-Kollegin in Nordrhein-Westfalen, Gabriele Behler, befürworten eine phasenweise Trennung der Geschlechter im naturwissenschaftlichen und mathematisch-technischen Unterricht. Sie verweisen dabei auf Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, wonach Mädchen ihre Fähigkeiten in diesen Fächern besser entfalten können, wenn sie im Unterricht unter sich bleiben.