Monsun 2010: Pakistan unter Wasser

Monsun 2010: Pakistan unter Wasser
US-Helikopter im Überflug der Flutgebiete in Pakistan. By US_Army_helicopter_flies_over_a_flood-affected_area_of_Pakistan.JPG: Horace Murray, U.S. Armyderivative work: Guillaume70 [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 2010:

Satellitenbilder des Oberlaufes des Indus vom 1. August 2009 (oben) und vom 31. Juli 2010 (unten). By MODIS Rapid Response Team (NASA Earth Observatory) [Public domain], via Wikimedia Commons

Satellitenbilder des Oberlaufes des Indus vom 1. August 2009 (oben) und vom 31. Juli 2010 (unten). By MODIS Rapid Response Team (NASA Earth Observatory) [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Sommer des Jahres 2010 sucht eine gewaltige Flutkatastrophe Pakistan heim. Ursache für die rasch ansteigenden Wassermassen und übertretenden Flüsse ist der einsetzende Monsunregen in den Monaten Juli und August. Über 274 mm Niederschlag nahe Peshāwar sorgen für einen neuen Rekordstand. Auch landwirtschaftliche Überbeanspruchung durch Abholzen ganzer Waldbestände oder durch weidende Tierherden beschleunigte das Unheil. Die Aufnahmekapazität für Wasser durch natürliche Stauräume sind nicht nur wegen schlecht geplanter Flussbegradigungen quasi kaum mehr vorhanden. Direkt betroffen ist vor allem die Region um die Flüsse Swat und Indus. Einsatzkräfte vor Ort zeigen sich der Überschwemmung zunächst mangels Vorbereitung auf ein solch enormes Ausmaß hilflos ausgeliefert. So fallen nach offiziellen Angaben 1738 Menschen der Katastrophe zum Opfer. Weitaus massiver geben sich die Schäden an Infrastruktur und Häusern nach Abfluss des Wassers zu erkennen. Brücken und Straßen an den Flussläufen werden sofort unbrauchbar oder bleiben stark einsturzgefährdet zurück. Annähernd 2 Millionen Häuser sind aufgrund der Naturgewalt nicht mehr bewohnbar. Die Welthungerhilfe beziffert die Gesamtanzahl der in Mitleidenschaft gezogenen Menschen auf knapp 20 Millionen, die Vereinten Nationen sprechen immerhin von bis zu 15 Millionen Betroffenen.

Politische Instabilität verhindert schnellen Aufbau

Überschwemmungsgebiete in Pakistan bis zum 26. August 2010. By Kmhkmh (Own work) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Überschwemmungsgebiete in Pakistan bis zum 26. August 2010. By Kmhkmh (Own work) [CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Nach dem Rückgang des Wassers, steht der Wiederaufbau der geschundenen Region an. Viele Menschen sind nach der Flucht obdachlos und müssen in notdürftig hergerichteten Zelten Unterschlupf suchen oder unter freiem Himmel nächtigen. Hilfe ist rar, Gegenmaßnahmen seitens der Regierung fallen sehr dürftig aus und die dringend notwendige Unterstützung kommt vor allem in den ländlichen Gebieten praktisch nicht an. Bewohner beklagen den Mangel an Geld und Baumaterial für die Reparatur der zerstörten Häuser. Internationale Hilfsorganisationen übernehmen einen beachtlichen Anteil der geleisteten Aufbauarbeiten, geraten aber aufgrund der schwierigen, politischen Lage innerhalb des Landes immer wieder ins Visier von Extremisten. Immer wieder untergraben Anschläge die Hilfsarbeiten, was letzten Endes ausländische Kräfte in ihrer Effizienz spürbar einschränkt. Die den Taliban nahestehende Organisation Tehreek-e-Taliban Pakistan fordert die sofortige Zurückweisung von ausländischem Personal und Hilfsgütern und bringen so den Heilungsprozess zum Erlahmen. Misswirtschaft und Unterschlagung von Spenden kommen erschwerend hinzu. Dennoch ist der Wille der Bevölkerung ungebrochen, die kommenden Aufgaben zu bewältigen.

Not und Angst ist seitdem ständiger Begleiter

Auch in den folgenden Jahren kommt es immer wieder zu landesweiten Notständen durch Hochwasser und weitreichende Überschwemmungen. Zwar zeigt sich die Bevölkerung nicht überrascht von dem alljährlichen Wetterphänomen, ist jedoch aufgrund der ausgesprochen hohen Zerstörungskraft des Monsuns im Jahr 2010 stark verunsichert. Zu groß sind die Verluste an Vieh und Ernte, zu schleppend verläuft die Beseitigung der Schäden. Die Vermeidung von Krankheiten und der Zugang zu sauberen Trinkwasser nehmen einen Großteil der Anstrengungen in den kommenden Monaten in Anspruch. Geldmittel bleiben weiterhin knapp. Die ausbleibenden Spenden auf privater Ebene sind dabei nicht nur auf die politischen Machtkämpfe zurückzuführen. Nur wenige Monate zuvor erleidet Haiti einen Schicksalsschlag durch ein starkes Erdbeben und bindet bereits Gelder und Arbeitskräfte von Hilfsorganisationen. Die Bereitschaft für eine weitere Spende sinkt bei vielen Menschen aufgrund der zeitlichen Nähe der Ereignisse spürbar. Drei Jahre im Anschluss erblüht das Land trotz der mühevollen Regeneration zumindest oberflächlich wieder in voller Pracht. Gebäude stehen auf festem Grund und Boden, die Infrastruktur ist zu großen Teilen hergestellt. Allerdings rufen die Nachwehen der Umweltkatastrophe großes finanzielles Elend unter den Einwohnern Pakistans hervor. Unterernährung und Perspektivlosigkeit gehören für viele Pakistaner nach wie vor zum Alltag. Was zurückbleibt ist die Angst vor einem ähnlichen Unglück in kommenden Sommern. Bereits im Jahr 2014 ist es wieder soweit: Ein ebenfalls starker Monsun lässt erneut ungewöhnlich viel Wasser auf das Land herabregnen. Die Opferzahlen halten sich mit ungefähr 100 Toten jedoch in Grenzen. Das Zentrum der Wetteraktivität entfällt dieses mal auf den Nachbarstaat Indien in der Region Kaschmir. Zusätzlich reagiert das Militär rechtzeitig und leitet Evakuierungen an Flüssen gelegenen Orten ein.