15. Januar 1919: Mord an Rosa Luxemburg

15. Januar 1919: Mord an Rosa Luxemburg
Rosa Luxemburg, führende linke Sozialdemokratin, Mitbegründerin der KPD, ermordet am 15.1.1919 in Berlin. Bundesarchiv, Bild 183-14077-006 / Unknown / CC-BY-SA [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

+++ VOR 100 JAHREN +++

Am 15. Januar 1919 zwingen Soldaten des Freikorps eine wehrlose Frau Ende 40 durch Stöße und Schläge in die Vorhalle des Eden-Hotels in Berlin. Dort wird sie als Jüdin und Hure beschimpft, misshandelt und verhört. Erst vor wenigen Wochen ist Rosa Luxemburg aus der Haft freigekommen. Seitdem hat sie die Revolution in Deutschland unterstützt – schließlich sogar gegen ihre ehemalige Partei, die SPD, von der sie politisch isoliert ist. Aber auch zu ihren Kampfgefährten, den Mitgliedern des Spartakusbundes, geht sie auf Distanz und lehnt deren gewaltsame Methoden ab. Am Nebeneingang des Hotels wird sie durch Schläge mit einem Gewehrkolben schwer verletzt und dann erschossen. Ihre Leiche wird im Landwehrkanal versenkt und erst Ende Mai gefunden. Am selben Januartag 1919 wird der Sozialdemokrat und Reichstagsabgeordnete, der spätere Mitbegründer der DKP, Karl Liebknecht (geb. 1871), von Freikorpsoffizieren in Berlin erschossen.

5.3.1871: Rosa Luxemburg in Zamosc bei Lublin geboren.
1894: Mitbegründerin der Sozialdemokratischen Partei Polens und Litauens.
1897: Übersiedlung nach Deutschland.
1907: Dozentin an der Parteischule der SPD in Berlin.
1913: »Die Akkumulation des Kapitals«.
1917: Mit Karl Liebknecht Gründung des Spartakusbundes.
15.1.1919: Rosa Luxemburg in Berlin ermordet.
Die Beisetzung von Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919. Riesige Kranzspenden am Anfang des Trauerzuges. Bundesarchiv, Bild 146-1976-067-25A / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Die Beisetzung von Rosa Luxemburg am 13. Juni 1919. Riesige Kranzspenden am Anfang des Trauerzuges. Bundesarchiv, Bild 146-1976-067-25A / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons

Rosa Luxemburg war in dem, wie sie lebte, ihrer Zeit voraus. Die Lebensumstände, die sie benachteiligten waren zahlreich: von ostjüdischer Herkunft, durch ein Hüftleiden lebenslang behindert, als Ausländerin in Deutschland lebend, in einem Umfeld, in de die Selbstständigkeit einer Frau alles andere als selbstverständlich war. Trotzdem arbeitete sie sich an die Spitze der deutschen und der internationalen Sozialdemokratie vor, wurde zur einflussreichsten Theoretikerin des auf revolutionäre Veränderung der Gesellschaft bedachten Flügels der SPD. Sie war eine leidenschaftliche, dabei auch zerbrechliche, mitunter gar menschenscheue Frau von großer Naturverbundenheit. Die Briefwechsel mit ihrer poetischen Sprache bilden zu den scharfen Polemiken, derer sie fähig war, einen Kontrast, wie er kaum größer sein könnte.
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Zeitungen zum 15.01.1919

Begabte Studentin
Geboren am 5. März 1871, entstammte Rosa Luxemburg einer jüdischen Familie aus Zamosc in Galizien. In Warschau besuchte sie ein Mädchengymnasium und schloss dieses 1887 ab – sie war dort immer die »kleinste, jüngste, erste« gewesen. Im darauf folgenden Jahr floh sie über Deutschland in die Schweiz. In Zürich konnte sie Wirtschaft, Jura, Geschichte, Zoologie und Botanik studieren. Prof. Julius Wolf sprach von ihr als »dem begabtesten der Schüler meiner Züricher Jahre«. Bei ihm promovierte Rosa Luxemburg 1897. In der Schweiz lernte sie auch Leo Jogiches (1867-1919) kennen, mit dem sie nicht nur den politischen Weg teilte, sondern auch zehn Jahre in inniger Liebesbeziehung lebte. Ihre Hoffnungen auf ein familiäres Miteinander und auf Kinder blieben aber unerfüllt. Eine Scheinheirat mit dem Deutschen Gustav Lübeck, 1898 in Basel vollzogen und fünf Jahre später wieder geschieden, verschaffte ihr die Möglichkeit des legalen Umzuges nach Berlin.
Die Jahre bis zur ersten Gefängnisstrafe 1904 waren von politischem Aufstieg und publizistischen Aktivitäten geprägt. Außer zu dem Sozialisten Karl Kautsky (1854-1938) und seiner Frau Luise – mit der Rosa eine enge Freundschaft verband – pflegte sie Kontakte zu weiteren führenden Sozialdemokraten wie August Bebel (1840-1913) und Franz Mehring (1846-1919). Mehrfach war sie Delegierte auf Parteitagen der SPD. Dort ergriff sie ohne Scheu das Wort. Ihr scharfer analytischer Verstand und ihr radikales, strategisches Denken brachten ihr einerseits große Achtung ein. Karl Kautsky nannte sie eine »Meisterin des Worts und der Feder«. Anderseits fühlten sich ihre Gegner nicht selten der Lächerlichkeit preisgegeben, verhöhnt oder verletzt – vielleicht aber war ihre Polemik eine Reaktion auf die Anfeindungen, denen sie sich selbst ausgesetzt sah.

Ikone der Bewegung
Die theoretischen Diskussionen dieser Jahre waren von der Frage bestimmt, ob der Kapitalismus, auf dem Wege der Revolution, in der gerechteren Gesellschaftsordnung des Sozialismus aufgehen würde. Theoretiker wie Eduard Bernstein (1850-1932) bestritten dies.
»Sozialreform oder Revolution?«- für diese Gegensätze standen die beiden wichtigsten Strömungen innerhalb der SPD. Rosa Luxemburg stellte sich 1898 in einer gleichnamigen Artikelserie auf die Seite der Revolutionäre, wandte sich aber immer wieder gegen eine Spaltung der Partei, was sie weitsichtig für verhängnisvoll hielt.

Karl Marx (1875; Fotografie von John Mayall jun.) John Jabez Edwin Mayall [Public domain], via Wikimedia Commons

Karl Marx (1875; Fotografie von John Mayall jun.) John Jabez Edwin Mayall [Public domain], via Wikimedia Commons

Gegenüber Ikonen der Bewegung wie Karl Marx (1818-1883) war sie kritisch. In ihrem Hauptwerk »Die Akkumulation des Kapitals« von 1913 beschrieb sie zum Beispiel, ausgehend von Marx, wie sich aus dem Kapitalismus der Imperialismus entwickelt und wie krisengeschüttelt dieser an den Grenzen seiner Expansion zwangsläufig sein wird. Gerade in diesen Krisen erwartete sie revolutionäre Veränderungen. Entsprechend groß war ihre Begeisterung angesichts der Revolution 1904-1906 in Russland. In der führenden sozialdemokratischen Zeitschrift, dem »Vorwärts«, erschienen ihre Berichte und Analysen als Leitartikel. Gemeinsam mit Leo Jogiches ging sie nach Warschau und gab dort inmitten heftiger Kämpfe eine Zeitung heraus. Beide wurden verhaftet und kamen erst nach mehreren Monaten wieder frei.
In den folgenden Jahren mehrten sich die Vorzeichen des Ersten Weltkrieges. Ein Aufruf an die Deutschen, »nicht die Waffen gegen die Arbeiter anderer Völker zu erheben«, brachte ihr 1914 die Verurteilung zu einem Jahr Haft ein, verbüßt 1915/16. Die SPD sah sie versagen angesichts der Zustimmung zum Krieg – ihre scharfe Kritik daran war einer der Gründe dafür, dass sie 1916 ohne Gerichtsprozess in Schutzhaft genommen wurde. Dort erlebte sie 1917 die russische Revolution. In dem postum erschienenen Werk »Die russische Revolution« kritisierte Rosa Luxemburg in heftigen Worten die Machtausübung der Bolschewiki unter Lenin (1870-1924) und wandte sich gegen den Terror, obgleich sie die Revolution an sich begrüßte. Die Notwendigkeit, machtpolitische Mittel gegen die bisherigen Strukturen einzusetzen, bestritt sie nicht: »Wir wissen so ungefähr, was wir zuallererst zu beseitigen haben, um der sozialistischen Wirtschaft die Bahn frei zu machen«.

Quelle des Reichtums
Was Rosa Luxemburg dort aber auch schrieb, ist immer wieder als ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Demokratie verstanden worden: »Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer nur die Freiheit der anders Denkenden… Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt.« Kluge, weitsichtige Worte, besonders bei einem Rückblick auf die Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts.