27. Januar 1945: Lager bieten Bilder des Grauens

27. Januar 1945: Lager bieten Bilder des Grauens
Verhungernde Häftlinge im KZ Ebensee, Teil des am 5. Mai 1945 befreiten KZ Mauthausen. - Lt. Arnold E. Samuelson [Public domain]

+++ EREIGNISSE VOR 75 JAHREN +++

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Zeitungen zum 27.01.1945
Mit der Befreiung durch die alliierten Truppen geht für die überlebenden KZ-Häftlinge ein oft jahrelanges Martyrium zu Ende. Der Welt offenbart sich das dunkelste Kapitel der nationalsozialistischen Herrschaft.

Sowjetische Soldaten befreien das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz bei Krakau in Polen. Sie finden noch etwa 7600 lebende Häftlinge, darunter rd. 4000 Frauen vor. In Auschwitz, dem größten deutschen Vernichtungslager, wurden insgesamt rd. 2,5 Mio. Menschen mit dem Giftgas Zyklon B ermordet (20.1.1942). Weitere 500 000 Häftlinge starben an Seuchen, Hunger und Kälte.

Vernichtungslager:

In Massengräbern stoßen die Befreier auf Tausende eilig verscharrter Leichen. Neben Auschwitz bestanden in Treblinka, Majdanek, Sobibor, Belzek und Chemno weitere »Todesfabriken«. Sie wurden ausschließlich in den deutsch besetzten Gebieten Osteuropas errichtet.

Todesmärsche:

Das Lager Auschwitz war im Januar 1945 wegen der sich nähernden Roten Armee aufgelöst worden. Die SS-Wachmannschaften hatten versucht, in aller Eile die Spuren ihrer grausamen Taten zu verwischen. Bereits im November 1944 hatten sie die Gaskammern gesprengt. Am 19. Januar 1945 wurde auch damit begonnen, die Krematorien, in denen die Leichen der Vergasten verbrannt worden waren, zu zerstören. Die Lagerinsassen, beim letzten Zählappell handelte es sich um 66 020 Häftlinge, wurden unter unmenschlichen Bedingungen in Richtung Westen getrieben. Für viele der von Hunger und Krankheit gezeichneten Häftlinge bedeuteten diese Todesmärsche, die es u.a. auch aus den Lagern Sachsenhausen und Ravensbrück gab, das Ende. Wer bei Minustemperaturen vor Erschöpfung und Kälte zusammenbrach, wurde auf der Stelle von der SS erschossen.

Dachau:

Das Konzentrationslager (KZ) Dachau in der Nähe von München wird am 28. April von US-Truppen befreit. Bereits 1933 als Konzentrationslager für politisch Andersdenkende wie Kommunisten und Sozialdemokraten gebaut, wurden seit 1941 auch Juden, Sinti und Kriegsgefangene dorthin verschleppt. Die US-Soldaten stoßen lediglich auf schwachen Widerstand der SS-Wachmannschaften.

Wegen der Überführung von Häftlingen aus den Vernichtungslagern im Osten vegetierten vor der Befreiung in dem für 9000 Menschen konzipierten Komplex 70 000 Häftlinge. In jedem Schlafraum lebten 350 Häftlinge. Wegen der Enge, mangelhafter Ernährung und der schlechten medizinischen Versorgung brachen Seuchen aus. Die SS isolierte die Kranken und überließ sie ihrem Schicksal. Allein an Typhus starben täglich 150 Häftlinge, insgesamt kamen in Dachau rd. 35 000 Häftlinge um.

Reaktionen:

Mit dem Vorrücken der Alliierten werden weitere Konzentrationslager befreit. Neben Dachau erreichen alliierte Einheiten im April auch Buchenwald bei Weimar und Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide. Die Erschütterung der alliierten Soldaten beim Betreten der ersten Vernichtungslager im Osten prägt ihre Vorstellung vom Charakter der Deutschen und von der Art der Behandlung, die sie nun verdienen. Nach der Befreiung von Buchenwald zwingen sie 1200 Einwohner aus Weimar, das Lager zu besichtigen. Mit aller Entschiedenheit treten die Alliierten dafür ein, die Schuldigen an den Massenmorden hart zu bestrafen.

HINTERGRUND: Schuld und Scham

Alliierte Soldaten erkannten bei der Befreiung der Konzentrationslager das ganze unvorstellbare Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen. In den Lagern bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. Völlig abgezehrte Überlebende berichteten von den ungeheuren Grausamkeiten der Wachmannschaften.

Um der deutschen Bevölkerung vor Augen zu führen, welche Untaten in ihrem Namen, oft auch mit ihrem Wissen, während der nationalsozialistischen Herrschaft verübt worden waren, ließen die Siegermächte in den Lagern Dokumentaraufnahmen drehen. Diese wurden den Deutschen im Laufe des Jahres 1945 vorgeführt. Die Teilnahme an den Vorführungen wurde von den Besatzungsbehörden vielfach zur Pflicht gemacht.

Die direkte Konfrontation mit den Folgen des Nazi-Rassenwahns, u.a. durch von den Alliierten angeordnete Zwangsbesichtigungen der KZs, löste im überwiegenden Teil der Bevölkerung Abscheu, Fassungslosigkeit, Schuldgefühle und Scham aus. Die meisten Deutschen versichern, von der Judenvernichtung nichts gewusst zu haben. Den Alliierten erscheint das unglaubwürdig.

Die Weltöffentlichkeit erhält die ersten fotografischen Zeugnisse der Gräueltaten bereits nach der Befreiung von Majdanek in Polen, das als erstes Massenvernichtungslager am 23. Juli 1944 von sowjetischen Truppen befreit wurde. Bereits zuvor gab es Berichte über die systematische Ausrottung der Juden. Nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen berichtete der britische Außenminister Robert Anthony Eden am 5. Juli 1944 vor dem Unterhaus über die »barbarischen« Deportationen.