Was geschah im Dezember 1914

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Wetterstationen Dezember 1914

1.12.1914, Dienstag

In Großbritannien tritt die sog. Akte zur Verteidigung des Königreiches in Kraft. Dadurch erhalten Heeresleitung und Admiralität die uneingeschränkte Erlaubnis, Anordnungen im “Interesse der nationalen Sicherheit” zu treffen; das Privateigentum verliert seine Unantastbarkeit. Das Gesetz ist mit der Verhängung des Belagerungszustandes vergleichbar.

Die deutsche Regierung setzt in allen von deutschen Truppen besetzten französischen Départements (svw. Verwaltungskreis) von ihr kontrollierte Zivilverwaltungen ein. Zugleich beauftragt sie Experten mit der Ausarbeitung von Plänen für den künftigen Status der besetzten Gebiete.

Mit der Übergabe des letzten Teilstückes des Rhein-Herne-Kanals entsteht ein 45,6 km langer Wasserweg zwischen dem Duisburger Hafen Ruhrort und Herne. Der Kanal, der in den Dortmund-Ems-Kanal übergeht, dient vorwiegend Kohletransporten und verbindet das Ruhrgebiet mit der Nordsee.

Der Burengeneral und Rebellenführer Christiaan Rudolph Dewet wird auf der Farm Waterburg, rund 160 km östlich von Mafeking, von Regierungstruppen verhaftet. Er hatte am 6. November die Unabhängigkeit des Oranjefreistaates von der britisch beherrschten Südafrikanischen Union proklamiert. Dewet wird zunächst zum Tode verurteilt, später aber begnadigt.

Das ungarische Abgeordnetenhaus in Budapest billigt die Erhebung einer Sondersteuer zugunsten der Kriegshilfe. Von diesem Beschluss sind alle Jahreseinkommen über 20 000 Kronen (17 000 Mark) betroffen.

2.12.1914, Mittwoch

Der deutsche Reichstag in Berlin bewilligt unter Zustimmung aller Parteien einen zweiten Kriegskredit in Höhe von fünf Milliarden Mark. Als einziger Abgeordneter lehnt der Sozialdemokrat Karl Liebknecht den Kriegskredit ab.

In einer Unterredung mit dem Zentrumspolitiker und bayerischen Ministerpräsidenten Georg Graf von Hertling erläutert der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg seine Annexions- und Aussiedlungspläne für die besetzten Gebiete. Nach seinen Vorstellungen soll u.a. das polnische Gebiet jenseits der bisherigen deutschen Ostgrenze unter Vertreibung der einheimischen Bevölkerung von Deutschen besiedelt werden.

Österreichisch-ungarische Truppen besetzen die serbische Hauptstadt Belgrad. Nach einer am 3. Dezember begonnenen serbischen Gegenoffensive muss sich das Balkanheer der Donaumonarchie jedoch bis zum 15. Dezember wieder hinter die Grenze zurückziehen.

Nach einer am 3. Dezember begonnenen serbischen Gegenoffensive muss sich das Balkanheer der Donaumonarchie jedoch bis zum 15. Dezember wieder hinter die Grenze zurückziehen.

In Petrograd (heute Leningrad) untersagt der russische Zar Nikolaus II. jegliche Zahlungen von russischen Schuldnern an Angehörige der Kriegsgegnerstaaten Deutsches Reich, Österreich-Ungarn und Osmanisches Reich. Damit wird der nach Ausbruch des Weltkrieges begonnene Wirtschaftskrieg in Europa mit unverminderter Härte fortgesetzt.

In Österreich-Ungarn finden zahlreiche Feiern anlässlich des 66. Jahrestages der Thronbesteigung von Kaiser Franz Joseph I. statt. Der 84-Jährige Herrscher übernahm im Alter von 18 Jahren den Thron. Politisch vertritt er die Ideologie einer unbeschränkten Zentralgewalt, die das Überleben der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie sichern soll.

3.12.1914, Donnerstag

In Berlin erteilt der Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion dem zum pazifistischen Parteiflügel zählenden Karl Liebknecht wegen seines Abstimmungsverhaltens bei der Bewilligung der deutschen Kriegskredite am 2. Dezember eine offizielle Rüge.

4.12.1914, Freitag

Der frühere deutsche Reichskanzler Bernhard Heinrich Martin Fürst von Bülow wird zum Leiter der deutschen Botschaft in Rom “in außerordentlicher Sendung” ernannt. Die Berufung erregt erhebliches internationales Aufsehen. Sie wird als Versuch der deutschen Regierung gewertet, Italien von einer Annäherung an die Tripelentente (Großbritannien, Frankreich, Russland) abzuhalten.

Nach einer Verordnung des deutschen Kaisers Wilhelm II. wird der sog. Landsturm zweiten Aufgebots zur Meldung aufgerufen. Die Meldefrist läuft vom 16. bis 20. Dezember. Damit werden nach dem Aufruf des ersten Landsturmes am 15. August weitere Reservisten für den Kriegseinsatz mobilisiert.

Der mexikanische Rebellenführer Francisco “Pancho” Villa zieht mit seinen Truppen in die mexikanische Hauptstadt Mexiko-Stadt ein. Zuvor hatte es monatelange Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Rebellengruppen in Mexiko gegeben. Villa und seine Anhänger vertreten sozialrevolutionäre Ziele.

5.12.1914, Samstag

In Rom billigt das italienische Parlament den Entschluss der italienischen Regierung unter dem liberalkonservativen Ministerpräsidenten Antonio Salandra, im Weltkrieg vorläufig ihre Neutralitätspolitik beizubehalten. Formell bildet Italien seit 1882 zusammen mit Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich den sog. Dreibund, fühlt sich aber wegen der aggressiven, kriegsauslösenden Politik der Bündnispartner an entsprechende Vereinbarungen nicht mehr gebunden.

Die nach Üsküp (heute Skopje) umgesiedelte serbische Regierung wird unter Beteiligung aller Parteien zu einer Koalitionsregierung der nationalen Einheit umgebildet. Regierungschef bleibt der Russlandfreundliche Ministerpräsident Nikola Pašic.

6.12.1914, Sonntag

In Posen treffen der Oberkommandierende Ost, Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorff und von Hindenburg und der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zu eintägigen Besprechungen über das sog. Grenzstreifenprojekt zusammen. Als Ergebnis der Unterredung übergibt Hindenburg dem Reichskanzler am 11. Dezember konkrete Skizzen für eine mögliche Erweiterung des deutschen Territoriums im Osten.

7.12.1914, Montag

In Lissabon tritt die portugiesische Regierung von Ministerpräsident Bernardino Machado Guimarãaes zurück. Sie folgt damit einer Weisung von Präsident Manoel d’Arriaga, der die Bildung eines Kabinetts der nationalen Einheit bei einem bevorstehenden Kriegseintritt Portugals angeordnet hatte. Das portugiesische Parlament hatte am 24. November der Regierung Vollmachten zur Vorbereitung des Kriegseintritts an der Seite Großbritanniens gegeben. Neuer Ministerpräsident wird Vitor Hugo de Azevedo Coutinho.

8.12.1914, Dienstag

Das unter dem Kommando des deutschen Vizeadmirals Maximilian Reichsgraf von Spee stehende sog. deutsche Kreuzergeschwader wird bei den Falklandinseln vor der argentinischen Küste von einem britischen Flottenverband vernichtend geschlagen.

Die im sog. Kriegsausschuss der deutschen Industrie zusammengeschlossenen Unternehmer fordern eine expansive deutsche Kriegszielpolitik. In Unterredungen mit Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg schlagen die Unternehmer die Annexion des lothringischen Erzbeckens sowie die Gründung eines zentralafrikanischen Kolonialreiches vor.

Die französische Regierung verlegt ihren Regierungssitz nach Paris zurück. Sie war am 2. September angesichts des Vormarsches deutscher Truppen in die südwestfranzösische Hafenstadt Bordeaux umgesiedelt.

9.12.1914, Mittwoch

Truppen des Osmanischen Reiches stoppen den britischen Vormarsch in Mesopotamien und besetzen die befestigte Hafenstadt Akaba am Roten Meer (heute zu Jordanien).

Die italienische Regierung fordert von Österreich-Ungarn als territoriale Gegenleistung für die Neutralität des Landes im Weltkrieg die Abtretung Südtirols.

In Berlin richtet das preußische Kriegsministerium ein sog. Bekleidungsbeschaffungsamt als zentrale Ankaufstelle für Kriegskleidung und -ausrüstung ein.

10.12.1914, Donnerstag

In Stockholm werden die Nobelpreise verliehen: Die Auszeichnung für Medizin geht an den Österreicher Robert Barany, für Chemie an den US-Amerikaner Theodore William Richards und für Physik an den Deutschen Max von Laue. Der Friedensnobelpreis wird angesichts des Kriegsausbruches nicht verliehen, ebenso wie der Literaturnobelpreis.

11.12.1914, Freitag

In Washington veröffentlicht die US-Regierung eine Anordnung, wonach die Lieferung von Unterseebooten an einen der kriegführenden Staaten als eine Verletzung der US-amerikanischen Neutralität betrachtet wird. Dadurch wird US-Firmen der Verkauf von Unterseebooten in Kriegsländer untersagt.

12.12.1914, Samstag

In einer von 26 deutschen Völkerrechtslehrern und Historikern unterzeichneten und in Berlin veröffentlichten Erklärung wird gegen den Vorwurf von Historikern der Universität Oxford (Großbritannien) polemisiert, das Deutsche Reich habe den Krieg angefangen. Der traditionelle Konsens innerhalb des europäischen Wissenschaftsbetriebs ist seit Kriegsausbruch nicht mehr gültig.

13.12.1914, Sonntag

Das französische Kriegsministerium in Paris ordnet die Einberufung des für 1915 vorgesehenen Wehrpflichtigenjahrganges an. Gleichzeitig werden die Reservisten der Jahrgänge 1913 und 1911 einberufen. Die Gesamtzahl der zusätzlichen Soldaten beträgt 220 000.

14.12.1914, Montag

In Rom beginnt eine zweitägige Debatte im italienischen Senat über die Neutralitätserklärung der Regierung von Ministerpräsident Antonio Salandra. Einzelne Senatoren weisen auf die zu erwartenden Gebietsgewinne bei einem Kriegseintritt auf Seiten der Tripelentente (Großbritannien, Frankreich, Russland) hin. Dennoch billigt der Senat am 15. Dezember einstimmig die Neutralitätserklärung.

15.12.1914, Dienstag

In einem von der Berliner “Vossischen Zeitung” veröffentlichten Pamphlet trägt der deutsche Maler und Grafiker Franz Marc zur Verherrlichung des Krieges bei. Marcs Einstellung ist ein Beispiel für die unreflektierte Haltung vieler deutscher Künstler gegenüber dem Krieg.

Mit dem Rückzug hinter Donau und Save scheitert die am 6. November begonnene zweite österreichisch-ungarische Offensive gegen Serbien.

16.12.1914, Mittwoch

In einem Schreiben an den Generalgouverneur in Belgien, Moritz Freiherr von Bissing, stellt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg Richtsätze für die deutsche Politik in Belgien auf. Danach sollen – vor dem Hintergrund von Nationalitätskonflikten zwischen Flamen und Wallonen im westlichen Nachbarland – vor allem die Beziehungen zu den Flamen vertieft werden.

17.12.1914, Donnerstag

Nach dem Scheitern der russischen Offensive an der deutschen Ostfront ernennt der deutsche Kaiser Wilhelm II. den Kommandanten der 9. deutschen Armee, August von Mackensen, zum Generaloberst. 1915 wird Mackensen Generalfeldmarschall.

In der Schlacht von Limanowa (5.- 17.12.) stoppen österreichisch-ungarische Truppen einen russischen Vormarsch auf Krakau (Südpolen), können jedoch keinen entscheidenden Sieg an der Ostfront erzielen.

Ein Explosionsunglück im Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem (heute zu Berlin) fordert ein Todesopfer. Das von dem deutschen Chemiker Fritz Haber geleitete Institut befasst sich u.a. mit der Entwicklung von Gaskampfstoffen für das deutsche Militär.

18.12.1914, Freitag

Der US-amerikanische Außenminister William Jennings Bryan teilt der britischen Regierung mit, dass US-Präsident Woodrow Wilson kein völliges Waffenausfuhrverbot plant. Am 10. Dezember war im US-amerikanischen Kongress eine entsprechende Gesetzesvorlage eingebracht worden; am folgenden Tag hatte die US-Regierung die Lieferung von Unterseebooten an die kriegführenden Staaten untersagt.

In Malmö beginnen zweitägige Besprechungen zwischen dem norwegischen König Hakon VII., dem dänischen König Christian X. und dem schwedischen König Gustav V.

19.12.1914, Samstag

Ägypten wird zum britischen Protektorat erklärt. Das arabische Land stand bisher formell unter osmanischer Oberhoheit, wird aber bereits seit 1883 de facto von einem sog. britischen Residenten regiert.

Abbas II. Hilmi, von der britischen Regierung am 3. November abgesetzter Khedive (osmanischer Vizekönig) von Ägypten, erörtert in Wien mit Vertretern der österreichisch-ungarischen Regierung Möglichkeiten zum Sturz der britischen Herrschaft in Ägypten. Auch das Osmanische Reich ist an einer Einflussnahme in Ägypten interessiert.

In Wien teilt der österreichisch-ungarische Außenminister Leopold Graf Berchtold Italien mit, dass seine Regierung italienische Gebietsansprüche in begrenztem Maß als Preis für dessen Neutralität im Weltkrieg akzeptiert. Vor dem Krieg sorgten italienische Forderungen nach Gebieten in Südtirol und Triest für anhaltenden Streit zwischen beiden Staaten.

20.12.1914, Sonntag

In zahlreichen italienischen Städten kommt es zu Kundgebungen irredentistischer Gruppen. Sie fordern die Angliederung von italienischsprachigen Regionen u.a. in Südtirol an Italien.

21.12.1914, Montag

Die Offensive der 9. deutschen Armee gegen russische Truppen in Westpolen endet im Gebiet der Bzura und Rawka ohne entscheidenden Erfolg. Ab Ende 1914 entwickeln sich auch die Kämpfe an der Ostfront zum Stellungskrieg.

In einem Gespräch mit der Berliner Vertretung der US-amerikanischen Nachrichtenagentur United Press kritisiert der deutsche Grosadmiral und Leiter des Reichsmarineamtes, Alfred von Tirpitz, die nach seiner Ansicht kritiklose Haltung der USA gegenüber der britischen Seeblockade. Gleichzeitig droht er mit einem Unterseebootkrieg gegen die internationale Handelsschifffahrt.

Der französische Ministerrat in Paris beschließt, künftig den Abschluss von Verträgen mit Angehörigen aus Kriegsgegnernationen mit Gefängnis zu bestrafen. Außerdem kann künftig die Einbürgerung von Staatsangehörigen gegnerischer Länder widerrufen werden.

22.12.1914, Dienstag

In Paris beginnt eine dreitägige Sitzung des französischen Parlaments. In einer programmatischen Rede verkündet Ministerpräsident René Viviani den “Kampf ohne Gnade bis zur endgültigen Befreiung Europas” von deutschen Besatzungstruppen als Ziel der französischen Kriegspolitik.

23.12.1914, Mittwoch

Die Deutsche Reichsbank in Berlin senkt den Diskontsatz um 1% auf 5% sowie den Lombardsatz ebenfalls um 1% auf 6%. Die deutsche Regierung bezeichnet den Beschluss, durch den das Kreditwesen neue Impulse erhalten soll, als Zeichen einer beginnenden Normalisierung der Wirtschaft.

Nach dem Scheitern der Serbien-Offensive wird der Oberbefehlshaber der Balkantruppen, Feldmarschall Oskar Potiorek, durch den 51-Jährigen Feldmarschall Erzherzog Eugen von Österreich ersetzt. In einer amtlichen Erklärung begründet die österreichisch-ungarische Regierung den Fehlschlag mit widrigen Wetterverhältnissen und einer Offensive des Gegners.

24.12.1914, Donnerstag

Viele Truppenangehörige müssen das Weihnachtsfest in Kriegsgefangenschaft verbringen. In deutschen Händen befinden sich insgesamt rund 578 000 alliierte Soldaten, während umgekehrt rund 135 000 deutsche Soldaten allein in russischer Kriegsgefangenschaft sind. In Genf sorgt die durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz eingerichtete Zentralauskunftsstelle für Kriegsgefangene für eine möglichst reibungslose Versendung der Weihnachtspost in die Kriegsgefangenenlager.

Im Weihnachtsgeschäft bieten zahlreiche deutsche Geschäfte militaristische Geschenkartikel an (Nachbildungen von Kriegsschiffen, Kanonen, Festungen u.a.). In den Schaufenstern Berliner Geschäfte preisen lebensgroße, als feldgraue Weihnachtsmänner ausstaffierte Puppen Kriegsspielzeug an. Allerdings herrscht in der Bevölkerung im Gegensatz zur Kriegsbegeisterung im August eine resignative Stimmung.

25.12.1914, Freitag

Italienische Marineeinheiten besetzen die albanische Stadt Valona (heute Vlorë). Italien ist an der Stadt wegen ihrer strategischen Bedeutung für die Vorherrschaft im Adriaraum interessiert. Valona war 1912 Sitz der provisorischen albanischen Regierung; die italienische Besetzung endet erst 1920.

26.12.1914, Samstag

In Tokio ordnet der japanische Kaiser Joschihito die Auflösung des japanischen Abgeordnetenhauses an. Zuvor hatte das Parlament eine Regierungsvorlage zur Vergrößerung des Heeres um zwei Divisionen mit 213 gegen 148 Stimmen abgelehnt. Japan befindet sich mit dem Deutschen Reich im Kriegszustand.

27.12.1914, Sonntag

In einer offiziösen, über die Petrograder Nachrichtenagentur verbreiteten Mitteilung tritt die russische Regierung Berichten über eine teilweise Abtretung der Insel Sachalin an Japan entgegen. Gerüchte besagten, dass die Abtretung ein Ausgleich für japanische Rüstungslieferungen sei.

28.12.1914, Montag

In verschiedenen Reden zum Jahresende plädiert das sozialdemokratische Vorstandsmitglied Philipp Scheidemann für einen annexionslosen Verständigungsfrieden im Weltkrieg. Scheidemann stellt sich damit gegen die bürgerlichen Reichstagsparteien und die deutsche Reichsregierung, die erhebliche territoriale Kompensationen von den Kriegsgegnern fordern. Innerhalb der SPD unterstützt Scheidemann die sog. Burgfriedenspolitik.

Die USA überreichen der britischen Regierung eine Protestnote, in der sie auf die Behinderung der Handelsschifffahrt auch neutraler Staaten durch die britische Flotte hinweisen. Großbritannien hatte am 2. November die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet erklärt. Britische Zeitungen werten die Note als Zeichen einer deutlichen Verstimmung zwischen beiden Staaten.

29.12.1914, Dienstag

Aus Protest gegen die deutsche Pressezensur stellen die belgischen Zeitungen ihr Erscheinen ein. Der Bischof von Brüssel, Kardinal Désiré Mercier, ruft die belgische Bevölkerung zum passiven Widerstand auf.

30.12.1914, Mittwoch

Der preußische General Helmuth von Moltke wird zum Chef des Stellvertretenden Generalstabes ernannt. Diese Behörde übernimmt sämtliche nicht von der Obersten Heeresleitung geleisteten Generalstabsaufgaben im Deutschen Reich. Bis zu seiner Entlassung am 14. September amtierte Moltke als Generalstabschef.

In Peking verkündet der chinesische Staatsrat die Verlängerung der Präsidentschaft von Yüan Shih-k’ai auf Lebenszeit. Yüan hatte das Amt 1912 übernommen, dann aber mit diktatorischer Gewalt seine Gegner verfolgt, das Parlament aufgelöst und nach seinen Wünschen eine Verfassung ausarbeiten lassen.

Am Berliner Bülowplatz wird das Theater der Neuen Freien Volksbühne, einer proletarischen Theaterbesucherorganisation, eröffnet.

31.12.1914, Donnerstag

In einem gemeinsam erarbeiteten Gutachten stellen der deutsche Innenminister Clemens Delbrück und der stellvertretende Außenminister Arthur Zimmermann in Berlin ein Programm zur militärischen und wirtschaftlichen Beherrschung des von deutschen Truppen besetzten Belgien vor. Gleichzeitig warnen sie vor den unübersehbaren politischen Konsequenzen einer Annexion Belgiens.

Die preußische Regierung beschließt in Berlin, sozialdemokratischen Parteimitgliedern im Fall ihrer Wahl in öffentliche Ämter die staatliche Bestätigung nicht mehr vorzuenthalten. Mit diesem vom preußischen Innenminister Friedrich Wilhelm von Loebell am 6. Januar 1915 verkündeten Erlass rückt die Regierung von ihrer bisherigen Praxis ab, die als Staatsfeinde betrachteten Sozialdemokraten nicht in den öffentlichen Dienst zu übernehmen. Die Regelung ist Teil einer Umorientierung der deutschen Innenpolitik.

In einem Feldpostbrief wird der Alltag der Soldaten in den Schützengräben an der Westfront geschildert. Viele Truppenangehörige müssen zu Weihnachten und zum Jahreswechsel auf ihren Urlaub verzichten.