Was geschah im Januar 1920

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Wetterstationen Januar 1920

1.1.1920, Donnerstag

Im Deutschen Reich treten drastische Preiserhöhungen u.a. für Ruhrkohle und schlesische Kohle in Kraft. Der Wert des US-Dollars liegt zu Beginn des Jahres bei 49,10 Mark.

Der 48-Jährige konservative schweizerische Politiker Giuseppe Motta löst turnusmäßig Gustave Ador als Bundespräsident der Schweiz ab. Motta – der nach 1915 zum zweiten Mal dieses Amt bekleidet – setzt 1920 den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund unter Aufgabe der absoluten Neutralität des Landes zugunsten einer sog. differentiellen Neutralität durch.

Einer statistischen Erhebung zufolge gibt es im Deutschen Reich 10 010 Turnvereine in denen 1 008 375 Mitglieder (über 14 Jahre) organisiert sind. Darunter befinden sich allerdings lediglich 82 735 weibliche Mitglieder (8,2%). Die Kinderabteilungen der Vereine umfassen 108 716 Jungen und 54 472 Mädchen unter 14 Jahren.

In seinem in Berlin veröffentlichten sog. Neujahrswunsch fordert Reichspräsident Friedrich Ebert (MSPD) alle Deutschen auf, “… in der gemeinsamen Not die Reihen zu schließen und jeder an seiner Arbeitsstelle für den Wiederaufbau unseres Vaterlandes das Äußerste zu tun”. Zugleich ziehen viele Zeitungen eine politische Bilanz zum Jahreswechsel 1919/20.

2.1.1920, Freitag

In den Vereinigten Staaten werden bei politischen Razzien, die von US-Justizminister A. Mitchell Palmer initiiert wurden, rund 2700 politisch linksstehende Personen verhaftet. In den folgenden Monaten kommt es zu weiteren Durchsuchungen und Massenverhaftungen. Sie sind Ausdruck des intoleranten politischen Klimas in den USA.

Zum Leiter des Kunstamts im Reichsinnenministerium wird der 36-Jährige deutsche Kunsthistoriker Edwin Redslob berufen, der bisher als Direktor der Württembergischen Kunstsammlung in Stuttgart amtierte. Bis 1933 übt Redslob als sog. Reichskunstwart beträchtlichen Einfluss auf das deutsche Kunstleben aus.

3.1.1920, Samstag

Nach Beginn einer polnisch-lettischen Offensive gegen bolschewistische Truppen werden bis Ende des Monats die Revolutionseinheiten aus Lettland herausgedrängt. Im Kampf gegen die weißgardistischen Denikin-Truppen verzeichnet die Rote Armee dagegen im Januar weitere Erfolge.

In Teilen des Deutschen Reiches, u.a. im Ruhrgebiet und in Schlesien, beginnt ein Eisenbahnerstreik, der sich in den nächsten Tagen ausweitet. Die streikenden Eisenbahner fordern Teuerungszuschläge zwischen 100 und 175%. Am 7. Januar schließen sich rund 200 000 Versicherungsangestellte dem Streik an. Reichsarbeitsminister Alexander Schlicke (MSPD) fordert angesichts eines “Dienstes nach Vorschrift” in den Eisenbahn-Hauptwerkstätten Frankfurt am Main die dortige Belegschaft ultimativ auf, die Arbeit spätestens am 5. Januar wiederaufzunehmen.

Die sechste Ausgabe der vom deutschen Schriftsteller Wieland Herzfelde herausgegebenen dadaistischen Zeitschrift “Die Pleite” wird verboten. Erst 1923 kann die nächste Nummer erscheinen.

4.1.1920, Sonntag

In Berlin wird ein Bericht des USPD-Organs “Freiheit” bekannt, in dem Richtlinien für eine Neugestaltung des Wirtschaftsbezirkes Groß-Berlin nach dem Räteprinzip aufgestellt werden. Zugleich ruft die “Freiheit” dazu auf, “alle Vorbereitungen zur Übernahme der kapitalistischen Wirtschaft und deren Überleitung zum sozialistischen Gemeinwesen” zu treffen.

5.1.1920, Montag

Der deutsche Politiker Anton Drexler wird Vorsitzender der von ihm 1919 mitbegründeten Deutschen Arbeiterpartei (DAP), die später in Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) umbenannt wird. Zugleich übernimmt Adolf Hitler die Leitung der Parteipropaganda.

Der US-Baseballspieler George Herman (“Babe”) Ruth wechselt für 125 000 US-Dollar (7 183 750 Mark) von seinem bisherigen Klub Boston Red Sox zu den New York Yankees. Es ist die höchste Summe, die bislang für den Vereinswechsel eines Sportlers bezahlt wurde. Babe Ruth ist seit 1914 Profi.

6.1.1920, Dienstag

Auf einer Versammlung der hohenzollern-württembergischen DDP wendet sich der DDP-Politiker Conrad Haußmann gegen jede Form der Monarchie. Zugleich fordern die Teilnehmer des sog. Demokratentags in einer Resolution eine “Revision der unerfüllbaren Teile des Versailler Vertrages durch einen unparteiisch zu gestaltenden Völkerbund”.

7.1.1920, Mittwoch

Der USPD-Politiker Curt Geyer spricht sich auf einer Konferenz der Betriebsrätezentrale in Halle gegen das Betriebsrätegesetz aus.

In einem öffentlichen Streikaufruf begründen die Gewerkschaften deutscher Eisenbahner ihren Ausstand mit der wachsenden Not unter ihren Mitgliedern.

8.1.1920, Donnerstag

Der deutsche Roheisenverband beschließt eine Anhebung der Roheisenpreise um durchschnittlich 50%. Sowohl Vertreter der Maschinenbauindustrie als auch des Reichswirtschaftsministeriums wenden sich gegen die Preiserhöhung.

Auf einer Tagung des sog. Nationalausschusses der Demokratischen Partei im US-amerikanischen Jackson Bay verkündet US-Präsident Woodrow Wilson seine Wahlbotschaft. Danach soll der in den USA umstrittene Versailler Vertrag sowie die Völkerbundsfrage zum Hauptthema der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen erklärt werden, um den Willen der Bevölkerung deutlich werden zu lassen.

9.1.1920, Freitag

Auf ihrem Münchener Parteitag beschließt die BVP (Bayerische Volkspartei) die Loslösung ihrer Abgeordneten in der Nationalversammlung von der Zentrumsfraktion. Auf Betreiben des Bauernführers Georg Heim wird sich die BVP auch nicht am Berliner Parteitag des Zentrums beteiligen.

Im Reichswirtschaftsministerium nehmen führende Konzerne der Stahlindustrie Verhandlungen über die vorgesehene Selbstverwaltung auf.

In Gotha wird nach Absprache mit der evangelischen Landeskirche die Trennung zwischen Staat und Kirche durchgeführt.

Mit der H. M. S. “Hood” läuft das größte britische Kriegsschiff vom Stapel.

10.1.1920, Samstag

Um 4.15 Uhr tritt der Friedensvertrag von Versailles in Kraft. Danzig (heute Gdansk) und das Memelgebiet werden vom Deutschen Reich abgetrennt. Im Saargebiet übernimmt der Völkerbund die Regierung, im besetzten Rheinland beginnt die sog. Interalliierte Hohe Kommission für die Rheinlande ihre Tätigkeit.

Wegen starken Hochwassers muss die Rheinschifffahrt eingestellt werden. Dadurch wird – zusätzlich zum Eisenbahnerstreik – die Kohleversorgung erschwert.

11.1.1920, Sonntag

Gemäß Artikel 1 in der Beilage zum ersten Teil des Friedensvertrages von Versailles werden vierzehn Staaten eingeladen, binnen einer Frist von zwei Monaten ihren Beitritt zum Völkerbund zu erklären. Davon berührt sind u.a. Argentinien, Chile, Dänemark, Norwegen, Schweden, Spanien und Venezuela.

Bei den Wahlen zum französischen Senat bleiben die Radikalen trotz erheblicher Verluste (16 Mandate) mit 120 Sitzen stärkste Fraktion. Bedeutende Gewinne verzeichnen die Linksrepublikaner (+19); sie verfügen nun über 58 Sitze. Insgesamt hat sich der Rechtstrend vergangener Wahlen leicht abgeschwächt.

12.1.1920, Montag

Auf einer Parteiversammlung des MSPD-Bezirksverbands Groß-Berlin kritisiert Reichswirtschaftsminister Robert Schmidt (MSPD) scharf die “Verschiebungen von Brotgetreide” in das Ausland. Zugleich droht er den deutschen Gutsbesitzern und Landwirten mit einer strengeren Anwendung des Zwangswirtschaftssystems im Falle rückläufiger Getreideablieferungen.

13.1.1920, Dienstag

Bei einem Polizeieinsatz anlässlich einer Kundgebung gegen das Betriebsrätegesetz kommen in der Reichshauptstadt Berlin 42 Menschen ums Leben, 105 werden verletzt. Im Anschluss an die Kundgebung wird der Ausnahmezustand verhängt; führende Politiker von USPD und KPD werden festgenommen.

Wegen anhaltender Proteste von katholischer Seite müssen die am 5. Januar in Berlin begonnenen Aufführungen des Heinrich-Lautensack-Stücks “Pfarrhauskomödie” (u.a. mit Lucie Höflich) abgebrochen werden. Auch in Frankfurt am Main und in Hannover kommt es wegen den Lautensack-Aufführungen zu Theaterskandalen.

14.1.1920, Mittwoch

Sowohl im rheinisch-westfälischen Industrierevier als auch in Schlesien endet der seit dem 3. Januar anhaltende Eisenbahnerstreik.

Der österreichische Staatskanzler Karl Renner (SPÖ) beendet seinen sechstägigen Besuch in der tschechoslowakischen Hauptstadt Prag. Im Mittelpunkt des Treffens standen politische und wirtschaftliche Verhandlungen, u.a. zu den Themen nationale Minderheiten, Binnenschifffahrt, Grenzflüsse, Erfüllung gegenseitiger Forderungen und Schulden sowie Zollfragen. Zu einer Reihe von Punkten werden bilaterale Einzelabkommen geschlossen.

15.1.1920, Donnerstag

Der Paderborner Bischof Karl Joseph Schulte wird vom Kölner Domkapitel zum neuen Erzbischof gewählt.

In Berlin wird das Reichsamt für Arbeitsvermittlung eingerichtet. Erster Leiter wird Friedrich Syrup.

Angesichts des um sich greifenden Terrors rechtsgerichteter Offizierstrupps und Freikorps gegenüber Angehörigen ihrer Partei beschließt die ungarische Sozialdemokratie den Rückzug aus der Regierung von Ministerpräsident Karl Huszár. Zugleich verständigt sie sich auf einen Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung am 25. Januar.

Die Landesversammlung von Anhalt lehnt als erstes deutsches Parlament preußische Pläne für eine Einheitsrepublik im Deutschen Reich ab.

In der Sowjetunion wird die Bildung der sog. Ersten revolutionären Arbeiterarmee dekretiert. Sie setzt sich aus regulären Einheiten der Roten Armee zusammen, die in Kommandostruktur und personeller Zusammensetzung unverändert bleiben. Die Arbeiterarmee dient der Durchführung anstehender Transport-, Reparatur- und Bauarbeiten.

16.1.1920, Freitag

In Paris findet die konstituierende Sitzung des Völkerbundrats statt. Er zählt zu den Hauptorganen des Völkerbunds; zu seinen ständigen Mitgliedern gehören die Vertreter Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Japans.

Der Mörder des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD), Anton Graf von Arco auf Valley, wird in München zum Tode verurteilt, später jedoch von der bayerischen Regierung zu lebenslanger Festungshaft begnadigt.

Das Rheinhochwasser erreicht in Köln mit 9,56 m seinen maximalen Pegelstand. Die “Jahrhundertflut” verursacht Schäden in Millionenhöhe.

In den USA tritt die Prohibition in Kraft. Im 18. Verfassungszusatz verbietet sie Alkoholherstellung, -handel und -konsum und stellt sie unter strafrechtliche Verfolgung durch die Bundesbehörden. Die Prohibition geht auf den Einfluss puritanischer protestantischer Kreise zurück.

17.1.1920, Samstag

Am Großen Schauspielhaus in Berlin inszeniert der österreichische Regisseur Max Reinhardt William Shakespeares “Hamlet”. In der Titelrolle spielt der österreichische Schauspieler italienischer Herkunft Alexander Moissi, in weiteren Hauptrollen Helene Thimig und Werner Krauss.

Eine Geheimkonferenz der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Bremen wird von der Polizei aufgelöst. Dabei wird u.a. der KPD-Politiker Heinrich Brandler verhaftet. Zugleich wird der sowjetische KP-Politiker Karl Radek ausgewiesen.

Die Sowjetregierung ordnet die Abschaffung der Todesstrafe an.

In Frankreich wird der 63-Jährige nationalistische Politiker Paul Deschanel zum Präsidenten gewählt. Er löst damit den seit 1913 amtierenden Raymond Poincaré ab, muss aber bereits am 16. September 1920 aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt wieder zurücktreten.

18.1.1920, Sonntag

Die Weimarer Nationalversammlung billigt in dritter Lesung mit 215 gegen 63 Stimmen das Betriebsrätegesetz. Es verpflichtet Betriebsräte zur Erfüllung der Betriebszwecke und räumt ihnen keinerlei wirtschaftliche Mitbestimmung ein. Das Gesetz gilt als offizielles Ende des Rätesystems im Deutschen Reich.

19.1.1920, Montag

Der französische Ministerpräsident Georges Benjamin Clemenceau erklärt nach seiner Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen gegen Paul Deschanel am 17. Januar seine Demission. Clemenceau – eine der einflussreichsten Persönlichkeiten im Frankreich des frühen 20. Jahrhunderts – zieht sich danach aus der Politik zurück. Sein Nachfolger wird der nationalistische Politiker und spätere Präsident Alexandre Millerand.

In Washington nimmt die zweite panamerikanische Finanzkonferenz ihre Arbeit auf. Sie dient der Vereinheitlichung von Handels- und Finanzbeziehungen auf dem amerikanischen Kontinent. Auf der Konferenz sind 21 Staaten mit insgesamt 60 Delegierten vertreten.

In Berlin beginnt der viertägige erste Reichsparteitag des Zentrums. Im Mittelpunkt der Diskussionen auf dem Treffen steht die Koalitionsfrage mit der MSPD. Die Delegierten billigen die Errichtung eines Generalsekretariats in Berlin und wählen Karl Trimborn zum Parteivorsitzenden.

Ernst Däumig – Führer des linken Flügels der USPD – sowie elf weitere Linke werden unter der Anschuldigung verhaftet, für die Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten am 13. Januar in Berlin verantwortlich zu sein. Däumig kämpft seit 1918 für die Einführung des Rätesystems im Deutschen Reich.

In Berlin beginnt der Prozess des Zentrumspolitikers und Reichsfinanzministers Matthias Erzberger gegen den Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), Karl Helfferich. Wie auch andere rechte Politiker hatte Helfferich mit verleumderischen Behauptungen zu einer Hetzkampagne gegen Erzberger beigetragen.

20.1.1920, Dienstag

Der deutsche Schauspieler und Intendant Victor Barnowsky inszeniert an dem von ihm seit 1913 geleiteten Berliner Lessing-Theater das Schauspiel “Hölle, Weg, Erde” des expressionistischen Dichters Georg Kaiser.

21.1.1920, Mittwoch

Der deutsche Soziologe Max Weber muss in Berlin seine Vorlesungen nach antisemitischen Störungen abbrechen. Weber setzte sich als Nicht-Jude für Studenten ein, die gegen die Begnadigung des Eisner-Mörders Anton Graf von Arco auf Valley protestiert hatten.

22.1.1920, Donnerstag

Nach dem Rückgang des Hochwassers das am 10. Januar eingesetzt hatte, kann die Transportschifffahrt auf den deutschen Wasserstraßen wieder aufgenommen werden. Das Rheinhochwasser hatte am 16. Januar mit 9,56 m seinen maximalen Pegel erreicht.

Die niederländische Regierung verweigert die von den Alliierten am 16. Januar geforderte Auslieferung des früheren deutschen Kaisers Wilhelm II. Sie beruft sich dabei auf ihre Neutralitätspolitik während des Krieges sowie auf nationale Rechtstraditionen.

23.1.1920, Freitag

In Berlin beginnt eine zweitägige Konferenz des Katholischen Frauenbundes und des Caritasverbandes. In Anwesenheit des Präsidenten der Weimarer Nationalversammlung und Zentrumspolitikers, Konstantin Fehrenbach sowie des Zentrumsvorsitzenden Karl Trimborn beraten die Delegierten anstehende Gesetze zur Filmkontrolle und zur Bekämpfung der Prostitution.

Die französische Zeitschrift “Littérature” organisiert im Pariser Palais des Fêtes eine Dada-Manifestation unter dem Titel “Premier Vendredi de Littérature – matinée poétique”. Die Veranstaltung löst einen Skandal aus.

24.1.1920, Samstag

Die internationale Reparationskommission nimmt gemäß den Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles ihre Arbeit auf. Sie soll feststellen, bis zu welcher Höhe das Deutsche Reich Wiedergutmachung für verursachte Kriegsschäden zu leisten hat. Der Versailler Vertrag bestimmt lediglich die Höhe der ersten, bis Mai 1921 zu zahlenden Rate (20 Milliarden Goldmark)

Bei einer außerordentlichen Generalversammlung der Bergarbeitergewerkschaft Alter Verband in Bochum sprechen sich die Delegierten für die Einführung der Sechsstundenschicht aus. Sie verzichten jedoch – gegen den Widerstand einer radikalen Opposition – auf eine Streikdrohung. Der christliche Bergarbeiterverband lehnt am 25. Januar die Einführung der Sechsstundenschicht vorläufig ab.

25.1.1920, Sonntag

Erstmals in der Geschichte Ungarns finden allgemeine und geheime Wahlen statt.

In Berlin wird Friedrich Wilhelm Murnaus Film “Satanas” uraufgeführt (Drehbuch: Robert Wiene). In den Hauptrollen spielen Conrad Veidt und Fritz Kortner.

26.1.1920, Montag

In Flensburg übernimmt gemäß dem Versailler Friedensvertrag eine internationale vierköpfige Kommission die Verwaltung in den Abstimmungsgebieten von Nordschleswig. Die Bevölkerung dort soll über ihre nationale Zugehörigkeit entscheiden.

Der ehemalige Fähnrich Oltwig von Hirschfeld verübt in Berlin ein Attentat auf den Zentrumspolitiker und Reichsfinanzminister Matthias Erzberger und verletzt ihn dabei. Hirschfeld, der “vaterländisches Interesse” als Tatmotiv angibt, wird am 21. Februar zu einer Gefängnisstrafe von nur 18 Monaten verurteilt.

27.1.1920, Dienstag

Reinhard Goerings dramatische Dichtung “Scapa Flow” wird im Frankfurter Neuen Theater in der Regie des Autors uraufgeführt. Goering wurde in den vorangegangenen Jahren als expressionistischer Dramatiker bekannt.

28.1.1920, Mittwoch

In Lushnjë südlich Durazzo (heute Durrës) tritt der sog. albanische Nationalkongress mit 48 Delegierten zusammen. Er wendet sich gegen jede Teilung und jedes fremde Mandat in Albanien. Zugleich wählt er einen vierköpfigen Regentschaftsrat, dem je ein Vertreter der vier im Land ansässigen Konfessionen angehört (u.a. den katholischen Bischof von Alessio, Lugj Bumçi). Außerdem bildet der Kongress eine Gegenregierung zu der von Staatspräsident Turchan Pascha geleiteten Durazzo-Regierung, geführt von Ministerpräsident Suleyman Bey Delvino, und erklärt Tirana zur neuen Landeshauptstadt.

Wladimir I. Lenin – Vorsitzender des russischen Rats der Volkskommissare (Ministerpräsident) – schlägt der polnischen Regierung die Aufnahme von Verhandlungen über den gemeinsamen Grenzverlauf zwischen beiden Ländern vor. Dabei nennt er als Demarkationslinie die Linie Drissa-Polock-Broissov-Parycy-Ptic-Cudnov-Bar.

29.1.1920, Donnerstag

Der britische Minister ohne Geschäftsbereich, George Barnes, tritt von seinem Amt zurück. Politische Beobachter interpretieren den Schritt als Protest gegen arbeiterfeindliche Tendenzen im britischen Kabinett unter Premier David Lloyd George. Barnes gilt als linksorientiert; der frühere Labour-Politiker musste allerdings aus seiner Partei austreten, als er einen Labour-Beschluss vom 14. November 1918 missachtete, der den Rückzug sämtlicher Labour-Minister aus dem Kabinett Lloyd George verfügte.

30.1.1920, Freitag

In den USA scheitern die Bemühungen um eine Verständigung zwischen Demokraten und Republikanern über die Ratifikation des Friedensvertrages von Versailles. Zuvor hatte der republikanische Senator Henry Cabot Lodge – einer der Hauptgegner von US-Präsident Thomas Woodrow Wilson in der Frage des Völkerbundbeitritts – eine Kompromissformel der Demokraten abgelehnt.

Alexander Moissi, der österreichische Schauspieler italienischer Herkunft, wird von Störern in Hamburg daran gehindert, Goethe-Gedichte zu rezitieren. Der Vorfall dokumentiert den wachsenden Druck rechter und antisemitischer Kreise im Deutschen Reich.

31.1.1920, Samstag

In der Berliner “Volks-Zeitung” äußert sich der deutsche Publizist Carl von Ossietzky zur gegenwärtigen politischen Lage im Deutschen Reich wie folgt: “Während die Linksparteien mit deutscher Gründlichkeit ihre Zwiste austragen, macht die Rechte klar zum Gefecht.”

In einem Rugby-Länderspiel besiegt England in Twickenham (bei London) Frankreich mit 8:3 Punkten.