Was geschah im Juli 1914

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Wetterstationen Juli 1914

1.7.1914, Mittwoch

In Christiania (heute Oslo) werden erste Informationen über die Golfstrom-Expedition des norwegischen Meereskundlers und Polarforschers Fridtjof Nansen bekannt.

Die am 20. Mai begonnene Konferenz von Niagara Falls (Kanada) wird offiziell beendet. Im Schlussprotokoll vereinbaren die USA und Mexiko die Wahl eines provisorischen Nachfolgers für den mexikanischen Präsidenten Victoriano Huerta. Im Gegenzug verzichtet die US-Regierung auf eine ursprünglich geforderte Genugtuung für die Verhaftung von US-Soldaten am 9. April in Tampico (sog. Zwischenfall von Tampico).

2.7.1914, Donnerstag

Das französische Abgeordnetenhaus in Paris nimmt mit 544 gegen 16 Stimmen einen Antrag der Sozialisten zur Einführung des Verhältniswahlrechts an. Bisher gilt bei Parlamentswahlen in Frankreich das Mehrheitswahlrecht.

3.7.1914, Freitag

In einem halbamtlichen Bericht wendet sich die in Petersburg (heute Leningrad) erscheinende Zeitung “Nowoje Wremja” gegen die Ausbeutung persischer Erdölvorkommen durch Großbritannien. Das Vorhaben greift nach Ansicht der Zeitung in unannehmbarer Weise in russische Interessensphären ein und wird somit zum Prüfstein der beiderseitigen politischen Beziehungen.

Zwischen den US-amerikanischen Städten New York und San Francisco wird erstmals eine Fernsprechleitung in Betrieb genommen. Sie überbrückt eine Entfernung von 4500 km.

In Köln beginnt die zweitägige siebte Jahreshauptversammlung des Deutschen Werkbundes. Sie wird bestimmt von einer Auseinandersetzung zwischen dem deutschen Architekten und Kunstschriftsteller Hermann Muthesius und dem belgischen Kunstgewerbler Henry van de Velde über die Typisierung von Formen. Muthesius plädiert dabei für standardisiertes Industriedesign, van de Velde dagegen weiterhin für individuelle Formen.

4.7.1914, Samstag

Das seit dem 22. Juni in Kiel zu Besuch weilende Geschwader der britischen Kriegsflotte unter Kommandant George Warrender tritt seine Rückreise an. Es hatte anlässlich der Kieler Woche in dem deutschen Marinestützpunkt angelegt.

Norman Brookes (Australien) besiegt im Endspiel der offenen englischen Tennismeisterschaften in Wimbledon den neuseeländischen Titelverteidiger Anthony F. Wilding in drei Sätzen. Siegerin im Dameneinzel wird die Britin Dorothea Lambert-Chambers.

In Lyon gewinnt der deutsche Automobilrennfahrer Christian Lautenschläger auf Mercedes-Benz den Großen Preis von Frankreich.

5.7.1914, Sonntag

Die österreichisch-ungarische Regierung übersendet dem deutschen Kaiser Wilhelm II. im Rahmen der sog. Hoyos-Mission ein Memorandum zur Balkanpolitik sowie ein Handschreiben des österreichisch-ungarischen Kaisers Franz Joseph I. In den Dokumenten wird die Ausschaltung Serbiens als politischer Machtfaktor in Südosteuropa nach dem Attentat von Sarajewo gefordert.

In der bulgarischen Hauptstadt Sofia unterzeichnen ein deutsches Bankenkonsortium unter Führung der Berliner Großbank Deutsche Disconto-Gesellschaft und das bulgarische Finanzministerium einen Vertrag über eine Anleihe in Höhe von 500 Millionen Francs (400 Millionen Mark). Bulgarien verpflichtet sich dabei, deutschen Unternehmen u.a. Vorrechte beim Bau von Eisenbahnlinien einzuräumen. Politisches Ziel der Anleihe ist eine Verminderung des Einflusses von französischem Kapital in Bulgarien.

6.7.1914, Montag

In Potsdam enden zweitägige, durch die am 5. Juli begonnene sog. Hoyos-Mission ausgelöste Besprechungen der politischen und militärischen Führung des Deutschen Reiches. Ihr Ergebnis, ein “Blankoscheck” für das verbündete Österreich-Ungarn bei seinen Aktionen gegen Serbien, trägt entscheidend zu Entstehung und Verlauf der sog. Julikrise sowie zum Ausbruch des Weltkrieges bei.

In Simla (Vorderhimalaya; heute zu Indien) werden auf der sog. Tibetkonferenz Teile des östlichen Tibets China zugesprochen, während der größte Teil des Landes unabhängig bleibt. Tibet hatte sich – ebenso wie die Äußere Mongolei – während der chinesischen Revolutionswirren 1911 von China gelöst und die chinesische Administration aus dem Land vertrieben.

7.7.1914, Dienstag

Auf einer unter Leitung des österreichisch-ungarischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh in Wien abgehaltenen Ministerkonferenz werden schärfere Kontrollen panslawistischer Gruppen im südöstlichen Landesteil Bosnien beschlossen. Nach Auffassung der österreichisch-ungarischen Regierung stehen Anhänger des Panslawismus hinter dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo vom 28. Juni.

Im französischen Abgeordnetenhaus in Paris verweigern sozialistische Abgeordnete ihre Zustimmung zu einem Kredit von 400 000 Francs (320 000 Mark) für eine Reise von Präsident Raymond Poincaré nach Russland. Der Sozialistenführer Jean Jaurès spricht sich bei der Debatte gegen eine zu starke politische Bindung Frankreichs an Russland aus.

8.7.1914, Mittwoch

Die deutsche Regierung drängt über ihren Wiener Botschafter Heinrich von Tschirschky und Boegendorff den österreichisch-ungarischen Außenminister Leopold Graf Berchtold zu einer Aktion gegen Serbien.

Nach dem Abgeordnetenhaus nimmt auch der französische Senat das zur Deckung der Heeresausgaben geplante neue Einkommensteuergesetz an. Besteuert werden nur Jahreseinkommen über 5000 Francs (4000 Mark); der Ertrag wird auf rund 60 Millionen Francs (48 Millionen Mark) veranschlagt. Die Steuerfrage hatte sowohl im französischen Wahlkampf als auch bei der Regierungsbildung eine entscheidende Rolle gespielt.

9.7.1914, Donnerstag

Angesichts des zunehmenden deutschen Drucks spricht sich der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. in Wien für ein rigides Durchgreifen gegenüber Serbien aus.

Das Leipziger Reichsgericht verurteilt den elsässischen Karikaturisten Johann Jakob Waltz wegen “Aufreizung zum Klassenhaß in Verbindung mit öffentlicher Beleidigung” zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr. Waltz hatte in seinem Buch “Mon village” (“Mein Dorf”) gegen die deutsche Besetzung von Elsass-Lothringen protestiert.

Auf dem neuerbauten Rhein-Herne-Kanal findet erstmals eine Probefahrt statt. Der 38 km lange Wasserweg verbindet Duisburg, den größten Binnenhafen der Welt und den Rhein über den Dortmund-Ems-Kanal mit der Nordsee.

10.7.1914, Freitag

Der seit Ende Mai anhaltende Arbeitskampf in der Niederlausitzer Tuchindustrie erreicht mit der Kündigung aller Streikenden durch die Tuchfabrikanten einen vorläufigen Höhepunkt.

Der Führer der nordirischen Ulster-Unionisten und konservative britische Politiker Edward Henry Baron Carson of Duncairn beruft in Belfast erstmals eine Versammlung der provisorischen Ulsterregierung ein. Die Delegierten fordern zum Kampf gegen die Home-Rule-Politik der britischen Regierung auf.

In Rom wird Generalleutnant Luigi Cadorna als Nachfolger des am 1. Juli verstorbenen Alberto Pollio zum Chef des italienischen Generalstabes ernannt. Cadorna wird – ebenso wie seinem Vorgänger – eine freundliche Haltung gegenüber dem Dreibund (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Italien) nachgesagt.

11.7.1914, Samstag

Zwischen der französischen, österreichisch-ungarischen und deutschen Regierung wird in Paris ein Abkommen über den Telefonverkehr zwischen Paris und Wien unterzeichnet. Die entsprechenden Leitungen führen auch über deutsches Gebiet.

Der französische Schriftsteller und Politiker Maurice Barrès wird in Paris als Nachfolger von Paul Déroulède Vorsitzender der sog. Patriotenliga. Bei der Amtsübernahme warnt Barrès vor angeblich einflussreichen Kräften, die Frankreich aus dem Bündnis mit Großbritannien und Russland (sog. Tripelentente) lösen und an das Deutsche Reich binden wollen. Die Patriotenliga ist ein Verband der konservativen Opposition in Frankreich.

12.7.1914, Sonntag

Der italienische König Viktor Emanuel III. verfügt die Einberufung des Reservistenjahrgangs 1891. Zugleich konzentriert Italien seine Kriegsflotte in der Adria. Die italienische Regierung demonstriert damit vor allem gegenüber dem Bündnispartner Österreich-Ungarn den Willen zu einer eigenständigen Machtpolitik in Albanien.

13.7.1914, Montag

In Paris weist ein Bericht der vom Parlament eingesetzten Heereskommission auf die mangelhafte französische Militärausrüstung im Vergleich zum Deutschen Reich hin. Außerdem wird das Fehlen von Offizieren beklagt. Der aufsehenerregende Bericht wird im Rahmen von Parlamentsberatungen über militärische Sonderausgaben bekannt.

Anlässlich des Jahrestages der Schlacht von Boyne agitieren in Belfast Anhänger der protestantischen Ulster-Unionisten gegen die geplante Teilautonomie (Home Rule) Irlands. In der historischen Schlacht von Boyne am 13. Juli 1690 war der englische König Jakob II. ein Verfechter des Katholizismus von seinem protestantischen Widersacher Wilheim I. von Oranien geschlagen worden. Damit wurde die Niederlage der Katholiken in England und Irland endgültig besiegelt.

14.7.1914, Dienstag

Die politische Führung von Österreich-Ungarn legt in Wien grundsätzlich fest, Serbien unter Berufung auf das Attentat von Sarajewo mit einem unannehmbaren Ultimatum zu konfrontieren. Ziel der österreichisch-ungarischen Politik ist die Zerschlagung Serbiens.

15.7.1914, Mittwoch

Der im Februar 1913 durch einen Putsch an die Macht gekommene mexikanische Präsident General Victoriano Huerta tritt zurück. Nach seiner diplomatischen Niederlage bei der Konferenz von Niagara Falls führen u.a. auch finanzielle Probleme zur Demission des von Rebellen bekämpften Diktators.

16.7.1914, Donnerstag

Der 20-Jährige Schwergewichts-Europameister Georges Carpentier (Frankreich) wird in London “weißer Boxweltmeister aller Klassen”; offizieller, aber ungeliebter Champion ist der Farbige Jack Johnson. Carpentiers Gegner “Gunboat” Smith (USA) wird in London wegen seines unsauberen Stils und seiner unsportlichen Attacken mehrmals verwarnt und in der sechsten Runde disqualifiziert.

Der französische Sozialistenkongress eine Vereinigung linker Gruppen tritt in Paris zusammen. In einer u.a. vom Sozialistenführer Jean Jaurès ausgearbeiteten Resolution zur drohenden Kriegsgefahr heißt es: “Der Kongress sieht unter allen Mitteln, die einen Krieg verhindern … sollen, einen gleichzeitigen internationalen Generalstreik … als besonders wirksam an”.

17.7.1914, Freitag

Bei einer Nachwahl zum deutschen Reichstag im Wahlkreis Coburg (Bayern) siegt die Fortschrittliche Volkspartei (FVP) in der Stichwahl mit 9180 Stimmen vor den Sozialdemokraten mit 5791 Stimmen. Bei der ersten Abstimmung am 10. Juli lag die SPD noch knapp vor der FVP und der Nationalliberalen Partei.

18.7.1914, Samstag

Die Unternehmen der Niederlausitzer Tuchindustrie sperren rund 30 000 streikende Arbeiter aus. Der seit Ende Mai anhaltende Streik wird vom Verband der Textilarbeiter unterstützt. Bei dem Arbeitskampf geht es um eine Erhöhung des Mindestwochenlohnes.

19.7.1914, Sonntag

Der Gemeinsame Ministerrat in Wien einigt sich auf den Wortlaut des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien. Die Übergabe der bewusst unannehmbar formulierten Forderungen in Belgrad wird auf den 23. Juli festgelegt. Mit dieser Verzögerung will die österreichisch-ungarische Regierung die Abreise des französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré aus Petersburg (heute Leningrad) abwarten, dessen viertägiger Staatsbesuch in Russland am 23. Juli endet.

20.7.1914, Montag

Der französische Staatspräsident Raymond Poincaré reist in Begleitung seines Ministerpräsidenten René Viviani zu einem viertägigen Besuch in die russische Hauptstadt Petersburg (Leningrad). Bei den Gesprächen mit der russischen Regierung versichern sich beide Staaten ihrer Bündnistreue.

21.7.1914, Dienstag

Der Wortlaut des österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien wird in der Nacht vom 21. zum 22. Juli der Regierung des Deutschen Reiches offiziell mitgeteilt.

Auf Initiative des britischen Königs Georg V. wird im Londoner Buckingham Palast wegen der anhaltenden Unruhen in der britischen Provinz Ulster (Irland) eine Konferenz einberufen. An ihr nehmen – neben dem König – u.a. der britische Premierminister Herbert Henry Asquith und die Unionistenführer Andrew Bonar Law und Edward Henry Baron Carson of Duncairn teil. Die Konferenz wird am 24. Juli ergebnislos abgebrochen.

22.7.1914, Mittwoch

In Bayreuth beginnen die Richard-Wagner-Festspiele mit einer Aufführung der Oper “Der fliegende Holländer”. Unter Musikkritikern stoßen die diesjährigen Aufführungen auf ein geteiltes Echo. Die mit Beginn des Weltkrieges abgebrochenen Festspiele werden außerdem zu einem finanziellen Misserfolg.

23.7.1914, Donnerstag

Nach dem Neubau des Hamburger Institutes für Schiffs- und Tropenkrankheiten (heute Bernhard-Nocht-Institut) stehen dem Forschungs- und Lehrpersonal erweiterte Kapazitäten für das gesamte Spektrum der Tropenmedizin zur Verfügung.

Um 18 Uhr überreicht der österreichisch-ungarische Gesandte in Belgrad, Wladimir Freiherr Giesl von Gieslingen, der serbischen Regierung ein auf 48 Stunden befristetes Ultimatum. Mit diesem diplomatischen Schritt leitet Österreich-Ungarn den Krieg gegen Serbien ein; das Ultimatum enthält bewusst unannehmbare Forderungen.

24.7.1914, Freitag

Der Inhalt des am Vortag in Belgrad übergebenen österreichisch-ungarischen Ultimatums an Serbien stößt in den Hauptstädten der europäischen Großmächte größtenteils auf Unverständnis. Der britische Außenminister Sir Edward Grey spricht vom “furchtbarsten Dokument”, das je ein Staat an einen anderen gerichtet habe. In der französischen Presse wird das Ultimatum als “demütigend” und als diplomatische Herausforderung für Serbien bezeichnet.

25.7.1914, Samstag

Nach Übergabe der serbischen Antwort auf das österreichisch-ungarische Ultimatum vom 23. Juli bricht die Regierung in Wien die Beziehungen zu dem südosteuropäischen Nachbarstaat ab. Die serbische Regierung entspricht allerdings in ihrer Antwort weitgehend den von Österreich-Ungarn gestellten ultimativen Forderungen.

In Petersburg (heute Leningrad) erklärt die russische Regierung im Hinblick auf das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien, dass sie keine Verletzung der serbischen Souveränität tolerieren werde. Zugleich beschließt Russland als Schutzmacht Serbiens, die sog. Kriegsvorbereitungsperiode (Vormobilmachung) einzuleiten. Dadurch kann die Mobilmachung im Fall einer weiteren Zuspitzung der Krise beschleunigt werden.

Die deutsche Regierung drängt Österreich-Ungarn zu einer möglichst raschen Kriegserklärung an Serbien. Damit sollen die Vermittlungsbemühungen anderer europäischer Mächte unterlaufen werden.

26.7.1914, Sonntag

Um den drohenden Krieg in Europa zu verhindern, schlägt der britische Außenminister Sir Edward Grey eine Botschafterkonferenz der vier nicht unmittelbar an dem Konflikt beteiligten europäischen Grosmächte Großbritannien, Frankreich, Deutsches Reich und Italien in London vor. Die deutsche Regierung lehnt dies am 27. Juli ab.

In Paris gewinnt der Belgier Philippe Thys die vierwöchige, über 15 Etappen führende Tour de France in einer Gesamtzeit von 200:28:48 h. Von 146 Teilnehmern erreichen 54 das Ziel.

27.7.1914, Montag

Um 15 Uhr trifft der deutsche Kaiser Wilhelm II. nach Abbruch seiner Nordlandreise in Berlin ein. Bei Besprechungen mit der politischen und militärischen Führung werden die deutschen Kriegsvorbereitungen forciert.

In Mülheim an der Ruhr wird in Anwesenheit zahlreicher Vertreter der deutschen Industrie das Gebäude des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kohleforschung eingeweiht.

In Berlin häufen sich die Protestkundgebungen gegen den drohenden Krieg. Insbesondere die deutsche Sozialdemokratie veranstaltet zahlreiche Antikriegsversammlungen. Gleichzeitig fordern chauvinistische Gruppen einen Krieg gegen Serbien und Russland.

28.7.1914, Dienstag

Um 11 Uhr erklärt die österreichisch-ungarische Regierung Serbien den Krieg. Gleichzeitig scheitert ein neuer Vermittlungsversuch von seiten Großbritanniens an der ablehnenden Haltung des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns.

Die Gattin des französischen Finanzministers Joseph Caillaux wird in Paris nach einem achttägigen Prozess von dem Vorwurf des Mordes freigesprochen. Sie hatte am 16. März den Chefredakteur der französischen Tageszeitung “Figaro”, Gaston Calmette, erschossen. Nach Ansicht des Gerichts lag ihrer Tat kein Vorsatz zugrunde.

29.7.1914, Mittwoch

Kurz nach Mitternacht beginnen österreichisch-ungarische Truppen mit der Beschießung Belgrads.

In Berlin trifft der deutsche Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg mit dem sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Albert Südekum zu Gesprächen über die Haltung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Falle eines Krieges zusammen. Die SPD-Führung erklärt sich zu politischem Wohlverhalten bereit.

Sowohl die Einstellung des sog. Ultimohandels an der Berliner Börse als auch ein Run auf die Sparkassen in der deutschen Hauptstadt zeugen von wirtschaftlicher Unsicherheit angesichts der Kriegsgefahr.

30.7.1914, Donnerstag

Am frühen Morgen wird die deutsche Regierung in Berlin über die ablehnende britische Haltung zu der vom Deutschen Reich gewünschten Neutralitätszusage für den Kriegsfall informiert. Der britische Standpunkt bewirkt einen vorübergehenden Kurswechsel in der Taktik der deutschen Regierung.

Die seit fünf Tagen anhaltenden öffentlichen Proteste sozialdemokratischer Arbeiter in Berlin münden in einer Großdemonstration im Berliner Stadtzentrum.

Die politische und militärische Führung Österreich-Ungarns legt in Wien die Generalmobilmachung für den 1. August fest. Sie verfolgt damit – trotz taktisch motivierter Einwände der deutschen Regierung – ihren Kriegskurs mit unverminderter Härte weiter.

Um 15 Uhr billigt der russische Zar Nikolaus II. die Generalmobilmachung in Russland. Am Abend des Vortages hatte er bereits eine Teilmobilmachung angeordnet.

31.7.1914, Freitag

Im Deutschen Reich wird um 13 Uhr der “Zustand der drohenden Kriegsgefahr” verkündet. Er beinhaltet Einschränkungen des öffentlichen Lebens und zieht die Mobilmachung der Streitkräfte nach sich.

Um 15 Uhr billigt der deutsche Kaiser Wilhelm II. ein deutsches Ultimatum an Russland. Es enthält die Aufforderung, innerhalb von zwölf Stunden alle Kriegsvorbereitungen einzustellen. Zugleich richtet die deutsche Regierung an Frankreich eine sog. Anfrage, in der das Land unter unannehmbaren Bedingungen zur Wahrung strikter Neutralität bei einem deutsch-russischen Krieg aufgefordert wird.

Die deutsche Regierung beginnt mit letzten diplomatischen Vorbereitungen für den unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruch. Sie versucht u.a. weitere Verbündete zu gewinnen.

In Paris wird der französische Sozialistenführer und bekannte Pazifist Jean Jaurès von dem Rechtsradikalen Raoul Villain ermordet. Jaurès hatte 1905 den Zusammenschluss der französischen Sozialisten gefördert.