Was geschah im Oktober 1920

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Wetterstationen Oktober 1920

1.10.1920, Freitag

Mit dem Erwerb des Bochumer Vereins für Bergbau und Gussstahlfabrikation AG beginnt der deutsche Industrielle Hugo Stinnes den Ausbau seines Konzerns.

Nach einer Mitteilung des Reichswehrministeriums ist eine 50-Kilometer-Zone an der deutschen Westgrenze gemäß den Vereinbarungen mit den Alliierten von deutschen Truppen geräumt. Das Reichsheer ist auf eine Stärke von 150 000 Mann herabgesetzt, die schwere Artillerie und die Luftschiffertruppe sind abgeschafft.

Das Groß-Berlin-Gesetz tritt in Kraft. Danach umfasst die deutsche Hauptstadt durch die Eingemeindung u.a. von Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg und Neukölln in nunmehr 20 Bezirken 3,86 Mio. Einwohner.

Der deutsche Maler und Grafiker Max Liebermann – Hauptvertreter des deutschen Impressionismus – wird zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste gewählt (bis 1933).

Der Schutzverband deutscher Schriftsteller weist bei einer Tagung in Berlin auf die Notlage vieler Schriftsteller hin und fordert materielle Unterstützung. 1920 benennt sich der Interessenverband um in Gewerkschaft Deutscher Schriftsteller. Zugleich schließen sich bekannte deutsche Autoren – u.a. Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Hermann Sudermann – in Berlin zum Verband deutscher Erzähler zusammen. Dieser soll dem “Verfall der Buchkultur” im Deutschen Reich entgegenwirken.

2.10.1920, Samstag

Das ungarische Innenministerium in Budapest erlässt eine Verordnung über die Ausweisung der seit 1914 eingewanderten Juden. Ausgenommen von der Vertreibung bleiben nur galizische und polnische Juden. Die Maßnahme ist Bestandteil der rassistisch-antijüdischen Politik von Ministerpräsident Pál Graf Teleki.

In den Zeitungsbetrieben der Reichshauptstadt Berlin beginnt ein zwölftägiger Ausstand. 16 000 streikende Arbeiter erreichen dabei Lohn- und Gehaltserhöhungen von rd. 15%.

3.10.1920, Sonntag

In Braunschweig endet der neunte Deutsche Pazifistenkongress (seit 30.9.). Mit dem Treffen verbunden ist eine Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft.

4.10.1920, Montag

Bei einem Vortrag des deutschen Sexualforschers Magnus Hirschfeld in München kommt es zu gewalttätigen Störaktionen durch Rechtsextreme. Hirschfeld – seit 1918 Leiter eines Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin – wird dabei verletzt und muss im Krankenhaus behandelt werden.

5.10.1920, Dienstag

Der erste Kongress gewerkschaftlicher Betriebsräte im Deutschen Reich beginnt unter Leitung des Allgemeinen deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) und der Angestelltengewerkschaft AfA in Berlin (bis 7.10.).

6.10.1920, Mittwoch

Der Vorstand des Reichsverbandes der deutschen Industrie gibt die Ablehnung der von der Sozialisierungskommission am 3. September vorgeschlagenen Modelle zur Sozialisierung des Bergbaus bekannt.

7.10.1920, Donnerstag

Unter Mitwirkung einer Kommission des Völkerbunds wird zwischen Polen und Litauen in Suwalki ein Abkommen geschlossen, das die beiderseitige Demarkationslinie festlegt. Danach verbleibt Wilna (Vilnius) bei Litauen. Allerdings wird das überwiegend polnisch-jüdische Wilna bereits am 9. Oktober von polnischen Truppen kampflos besetzt und anschließend ein Staat Mittel-Litauen gebildet, der am 20. April 1922 mit Polen vereinigt wird. Gleichzeitig jedoch beansprucht Litauen Wilna als legitime Hauptstadt, was zu einer anhaltenden Krise zwischen Polen und Litauen führt.

Nach einem vom belgischen Parlament verabschiedeten Wahlgesetz erhalten Frauen nur kommunales Stimmrecht. Zugleich wird festgelegt, dass die Einführung des allgemeinen Frauenwahlrechts nur mit einer parlamentarischen Zweidrittel-Mehrheit beschlossen werden kann.

8.10.1920, Freitag

In Washington wird eine interalliierte Verkehrskonferenz eröffnet. Vertreter der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Japans erörtern Fragen des internationalen Verkehrs. Zu den wichtigsten Punkten zählt die Verteilung der während des Weltkriegs beschlagnahmten deutschen Seekabel. Die von den USA geforderte Wiederherstellung der früheren Kabelverbindungen stößt auf Widerstand. Am 15. Dezember wird die Frage ohne Einigung einer Botschafterkonferenz überwiesen.

Die sowjetische Regierung unterstellt die aus der Oktoberrevolution hervorgegangene kulturrevolutionäre Organisation Proletkult dem Kommissariat für Volksaufklärung.

9.10.1920, Samstag

Der österreichische Regisseur Max Reinhardt erklärt seinen Rücktritt als Leiter von drei Berliner Theatern.

Im Deutschen Reich werden Widerstände gegen die von der Hamburger Hapag-Reederei mit einem US-Konzern beschlossene Zusammenarbeit bekannt.

Entsprechend den Bestimmungen des Vertrags von Sèvres übernehmen Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und Italiens die Aufsicht über die türkischen Staatsfinanzen.

Eine am 17. September in Hamburg eingetroffene sowjetrussische Gewerkschaftsdelegation erhält von deutschen Behörden einen Ausweisungsbescheid für den 14. Oktober. Bis zu diesem Termin wird den Delegierten die Teilnahme an Arbeiterversammlungen untersagt. Daher können auch die vorgesehenen Verhandlungen zwischen den sowjetischen Gewerkschaftern und ADGB-Vertretern nicht stattfinden. Am 13. Oktober kommt es in der Reichshauptstadt Berlin zu zwei Protestversammlungen gegen den Ausweisungsbescheid.

10.10.1920, Sonntag

Bei einer gemäß dem Friedensvertrag von St. Germain vom 10. September 1919 durchgeführten Volksabstimmung entscheidet sich die Bevölkerung Kärntens zu 59% für einen Verbleib bei Österreich und gegen den Anschluss an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (heute Jugoslawien).

In Kassel beginnt ein ordentlicher Parteitag der MSPD (bis 16.10.). 333 Delegierte vertreten rund 1,18 Mio. Mitglieder (Zuwachs von 15,6% gegenüber 1919). Zu Parteivorsitzenden der Mehrheitssozialdemokraten werden Hermann Müller und Otto Wels gewählt.

Der Verband Deutscher Diplomkaufleute fordert in Hannover das Promotionsrecht für Handelshochschulen. Zugleich beschließt er die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift.

11.10.1920, Montag

In Washington kommen Vertreter US-amerikanischer, britischer, französischer und japanischer Banken zusammen. Sie beschließen die Neubildung des bereits vor dem Weltkrieg bestehenden internationalen Bankenkonsortiums für China-Kredite. Ziel der Bankiers ist die wirtschaftliche Erschließung Chinas; dabei behält sich das Konsortium die Kontrolle über Gewährung und Verwendung der Kredite vor.

12.10.1920, Dienstag

Die alliierte Heereskontrollkommission weist die Reichsregierung auf das vertragswidrige Fortbestehen sog. Selbstschutzorganisationen hin. Zugleich wird die Reichsregierung aufgefordert, die Entwaffnung und Auflösung solcher Gruppen sicherzustellen.

Der 26-Jährige französische Boxer Georges Carpentier wird in Jersey City (US-Bundesstaat New Jersey) Weltmeister im Halbschwergewicht durch einen K.-o.-Sieg über den US-Amerikaner “Battling” Levinsky.

Ein außerordentlicher Parteitag der USPD in Halle/Saale führt zur Spaltung der Partei. Die Mehrheit der Delegierten entschließt sich für den Anschluss an die 1919 in Moskau gegründete, kommunistische Dritte Internationale (Komintern) unter Annahme der im Sommer von der Komintern verabschiedeten 21 Bedingungen.

Mit der Unterzeichnung des Präliminarfriedens von Riga endet offiziell der polnisch-russische Krieg. Am 18. März 1921 wird im Friedensvertrag von Riga endgültig die beiderseitige Grenze festgelegt.

13.10.1920, Mittwoch

Mit dem Gesetz zur Abschaffung der Arbeiterräte beginnt in Bayern auch formell die Aufhebung der Ergebnisse der Revolution 1918/19. Am 7. April 1919 war in München die Räterepublik ausgerufen worden; am 2. Mai hatten Regierungstruppen die bayerische Hauptstadt besetzt. Seit dem 16. März 1920 regiert in Bayern eine rechtsgerichtete Regierung unter Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr.

Der italienische König Viktor Emanuel III. unterzeichnet eine Amnestie für Personen, die sich vor dem 2. September 1919 der Militärdienstpflicht entzogen haben.

14.10.1920, Donnerstag

Im Friedensvertrag von Dorpat erkennt Sowjetrussland die Selbständigkeit Finnlands an. Zugleich werden die beiderseitigen Grenzen festgelegt; u.a. erhält Finnland einen Zugang zum Eismeer (Hafen Petsamo), Ostkarelien bleibt sowjetisch. Finnland war früher russisches Großfürstentum.

Das u.a. von Erwin Piscator begründete “Proletarische Theater, Bühne der revolutionären Arbeiter Groß-Berlins” feiert mit drei Einaktern (u.a. “Der Krüppel” von Karl August Wittfogel) in Kliems Festsälen im Arbeiterbezirk Neukölln seine Premiere. Es ist der erste ernstzunehmende Schritt zu einem politischen Theater in Deutschland.

15.10.1920, Freitag

In London endet eine viertägige internationale Wirtschaftskonferenz. Hauptthema ist die wirtschaftliche und politische Situation in Europa nach Abschluss des Versailler Vertrages. Die Teilnehmer des von der Hilfsorganisation Fight-the-Famine-Council einberufenen Treffens fordern angesichts der wirtschaftlichen Not in Europa einen solidarischen Wiederaufbau. Von deutscher Seite ist u.a. der Politiker und Publizist Helmut von Gerlach, Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft, anwesend.

In Neuenburg beginnt ein dreitägiger Kongress des schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Hauptthema ist die Forderung nach Verschmelzung von Gewerkschaftsbund und Sozialdemokratie zu einer schlagkräftigen Einheitsorganisation (Schweizerische Arbeiterunion). Am 16. Oktober wird ein entsprechender Antrag nach heftigen Debatten mit 136 gegen 92 Stimmen abgelehnt. Die 1888 gegründete Sozialdemokratische Partei der Schweiz hatte sich während des Weltkriegs zunehmend radikalisiert.

16.10.1920, Samstag

In einer dem Reichsaußenministerium durch die britische Botschaft in Berlin überreichten Note verzichtet die britische Regierung auf ihr gemäß Versailler Vertrag festgelegtes Recht zur Beschlagnahme deutschen Eigentums im Fall der Nichterfüllung alliierter Forderungen. Der Verzicht bezieht sich auf Vermögens- und Sachwerte, die sich in Großbritannien befinden. Im Hintergrund stehen wirtschaftliche Überlegungen, da die bisherige Regelung deutsche Geschäftsleute von Investitionen in Großbritannien abhielt.

In Großbritannien beginnt ein bis zum 3. November dauernder Bergarbeiterstreik, an dem sich rund 1 Mio. Arbeiter beteiligen.

17.10.1920, Sonntag

Bei den Wahlen zum österreichischen Nationalrat werden die Christlich Sozialen mit 41,8% der Stimmen zur stärksten Partei und gewinnen 16 Mandate hinzu. Die Sozialdemokraten (35,9%) verlieren dagegen drei Sitze. Die Deutschnationalen erzielen 17,3% (28 Sitze, +2, davon Großdeutsche Volkspartei: 18). Am 20. November bildet der bisherige christlichsoziale Bundeskanzler Michael Mayr eine neue Regierung.

Der tschechoslowakische Politiker und frühere Ministerpräsident Wlastimil Tusar wird zum Gesandten seines Landes in Berlin ernannt.

18.10.1920, Montag

Nach dem Rücktritt des bisherigen türkischen Kabinetts wird Ahmad Taufik Pascha von Sultan Muhammad VI. mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt, die er am 21. Oktober vorstellt. Der Regierungswechsel erfolgt auf Druck der Alliierten, sie erhoffen sich dadurch bessere Aussichten für eine Verständigung der offiziellen Regierung mit der oppositionellen Nationalversammlung um Mustafa Kemal Pascha.

19.10.1920, Dienstag

Die preußische Landesversammlung in Berlin billigt in dritter Lesung einen Gesetzentwurf zur Überführung der sog. standesherrlichen Bergregale an den Staat. Das etwa im 12. Jahrhundert entstandene Bergregal sichert dem Inhaber das Verfügungsrecht auch über “herrenlose Sachen” (d. h. Mineralien). Erst das preußische Allgemeine Berggesetz von 1865 hatte das Recht zur Gewinnung von Bodenschätzen vom Grundeigentum getrennt.

20.10.1920, Mittwoch

In Brüssel beginnt die zehnte Tagung des Völkerbundrats. Die Delegierten beschließen u.a. die Einrichtung eines ständigen Büros zum Studium von Finanzfragen. Außerdem vereinbaren sie die Durchführung einer Volksabstimmung unter Kontrolle des Völkerbunds in den zwischen Polen und Litauen umstrittenen Gebieten.

Der 57-Jährige britische Gewerkschaftsführer und Labour-Politiker Arthur Henderson fordert im Unterhaus in London die unverzügliche Untersuchung von Repressalien britischer Militärs in Irland. Hendersons Antrag wird mit 346 gegen 79 Stimmen abgelehnt.

21.10.1920, Donnerstag

Die Reichsregierung weist zwei Vertreter der Kommunistischen Internationalen (Komintern) aus, darunter den sowjetischen Politiker und Vorsitzenden des Komintern-Exekutivkomitees, Grigori J. Sinowjew. Sie hatten am außerordentliche USPD-Parteitag in Halle an der Saale teilgenommen. Am 24. Oktober veranstalten der linke Flügel der USPD und die KPD zwei große Protestkundgebungen gegen die Ausweisung.

22.10.1920, Freitag

In Schweden tritt die sozialdemokratische Regierung unter Hjalmar Branting nach nur siebeneinhalbmonatiger Amtszeit zurück. Am 27. Oktober beruft der schwedische König Gustav V. den Liberalen Ludwig de Geer zum neuen Ministerpräsidenten.

23.10.1920, Samstag

Im Freistaat Braunschweig tritt Kultusminister Hans Sievers (USPD) zurück. Sievers hatte sich – im Gegensatz zu Ministerpräsident Sepp Oerter (USPD) – zu den Prinzipien der Kommunistischen Internationale bekannt. Die Amtsgeschäfte des Kultusministers werden vorläufig von Oerter geführt. In Braunschweig regiert nach den Landtagswahlen vom 16. Mai 1920 eine USPD/MSPD-Koalition.

In der Uraufführung von Hans Müller-Einingens Stück “Flamme” feiert die deutsche Schauspielerin Käthe Dorsch ihren ersten großen Erfolg (Berliner Lessing-Theater; Regie: Victor Barnowsky). Käthe Dorsch wird danach – neben Elisabeth Bergner – zur populärsten Darstellerin an den Berliner Sprechbühnen.

24.10.1920, Sonntag

In Berlin wird die Deutsche Hochschule für Politik (heute Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin) als Spezialhochschule für politische Wissenschaft eröffnet.

In Berlin wird der Verband der deutschen Volksbühnenvereine gegründet.

Die deutsche Nationalmannschaft besiegt in Berlin in einem Fußballländerspiel die Elf aus Ungarn 1:0. Vor 30 000 Zuschauern erzielt Mittelstürmer Adolf Jäger (Altona 93) in der 16. Minute das Siegtor durch einen Elfmeter.

25.10.1920, Montag

Der griechische König Alexander stirbt im Alter von 27 Jahren in Athen. Er bestieg 1917 den Thron, nachdem die Alliierten seinen Vater Konstantin I. zur Abdankung und seinen Bruder Georg zum Thronverzicht gezwungen hatten. In der griechischen Politik spielte er keine wesentliche Rolle.

In einem Londoner Gefängnis stirbt der 40-Jährige IRA-Führer und Bürgermeister der Stadt Cork, Terence MacSwiney, nach einem 74-tägigen Hungerstreik. Am 17. Oktober war der Ire Michael Fitzgerald nach einem 68-tägigen Hungerstreik im Gefängnis gestorben.

26.10.1920, Dienstag

In Hannover endet der zweite Parteitag der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP). In den als Parteiprogramm verabschiedeten Grundsätzen der Deutschnationalen Volkspartei wird die Wiederherstellung der Monarchie gefordert. Die von ihrem Mitgründer Oskar Hergt geführte DNVP gilt als Sammelpartei der nationalistischen Rechten.

Die sächsische Volkskammer in Dresden billigt die neue Verfassung für den Freistaat Sachsen. Sie entspricht dem in der Reichsverfassung vorgezeichneten parlamentarisch-demokratischen Modell.

27.10.1920, Mittwoch

Die Botschafterkonferenz der Alliierten beschliest in Paris die Errichtung der Freien Stadt Danzig gemäs Artikel 100 des Versailler Vertrags. Am 15. November findet die feierliche Proklamation statt. Danzig erhält Souveränität, Zoll- und Währungsautonomie; die Hafenverwaltung wird von einem internationalen Ausschuss ausgeübt.

Die bayerische Landesregierung in München erlässt eine sog. einstweilige Anordnung gegen das Wucher- und Schiebertum. Sie sieht schwere Freiheits- und Geldstrafen für Wucherer und Schwarzhändler vor.

In Berlin wird die Errichtung eines Reichsarchivs bekannt. Es soll der Sammlung und Erforschung des gesamten reichsbezogenen Urkunden- und Aktenmaterials sowie als Informationsstelle dienen.

28.10.1920, Donnerstag

Die Hamburger Reederei Hamburg-Amerika-Linie (Hapag) stellt ihr erstes nach Kriegsende gebautes Schiff in Dienst. Im November eröffnet die Deutsche Ostafrika-Linie mit ihrem ersten Nachkriegsneubau einen Liniendienst nach Südafrika.

Am Schauspielhaus Dresden wird das Drama “Jenseits” des 30-Jährigen deutschen Lyrikers und Dramatikers Walter Hasenclever uraufgeführt. Regie führt Berthold Viertel.

29.10.1920, Freitag

Durch einen Beschluss der MSPD-geführten Landesregierung in Sachsen wird der 9. November zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Am 9. November 1918 wurde im Deutschen Reich die Republik ausgerufen.

Im Berliner Ufa-Palast feiert Paul Wegeners Film “Der Golem, wie er in die Welt kam” Premiere (u.a. mit Paul Wegener, Albert Steinrück, Ernst Deutsch). Die Filmbauten errichtete der deutsche Architekt Hans Poelzig, ein Hauptvertreter des Expressionismus.

An den Vereinigten Deutschen Theatern in Brünn (heute Brno) wird das Schauspiel “Gas II” des deutschen Dramatikers Georg Kaiser, eines der bedeutendsten Vertreter des literarischen Expressionismus, uraufgeführt. Die Premiere im Deutschen Reich findet am 13. November 1920 am Neuen Theater Frankfurt statt.

In Berlin tritt die 1920 in Göttingen gegründete Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Sie ist Vorläuferin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

30.10.1920, Samstag

In einer an die Alliierten gerichteten diplomatischen Note und Denkschrift wendet sich die deutsche Regierung gegen die von Alliierten geforderte Zerstörung von Dieselmotoren. Nach Darlegung der Reichsregierung werden diese ausschließlich für wirtschaftliche Zwecke benötigt. Die Alliierten – die eine Verwendung für den U-Boot-Bau befürchten – nehmen ihre Forderung am 10. November zurück, bedingen sich allerdings Kontrollen aus.

Das zentralafrikanische Kamerun wird – unter Einbeziehung von Duala als größter Stadt des Landes – offiziell der französischen Staatshoheit unterstellt. Frankreich und Großbritannien hatten in zwei Teilungsverträgen 1916 und 1919 das Land unter sich aufgeteilt. 1922 bestätigt der Völkerbund die Grenzen in dem Kolonialgebiet.

Das bislang in London ansässige Generalsekretariat des Völkerbunds siedelt nach Genf über. Seine offizielle Tätigkeit in der schweizerischen Stadt nimmt es am 1. November auf.

31.10.1920, Sonntag

In der Schweiz befürworten bei einer Volksabstimmung rd. 368 000 Stimmberechtigte die Einführung des Achtstundentages beim Eisenbahnpersonal, bei der Post und beim Telegrafen- und Telefonbetrieb (dagegen: 271 000 Stimmen).

Auf einem in Brüssel stattfindenden zweitägigen Kongress lehnen die belgischen Sozialisten den Beitritt zur Kommunistischen Internationale ab. Sie sprechen sich für einen Verbleib in der sozialistischen Zweiten Internationale aus.

Bei den britischen Kommunalwahlen verzeichnen Labour Party und Unabhängige Liberale bedeutende Stimmengewinne. Diese gehen auf Kosten der liberal-konservativen Regierungskoalition.