Josef Stalin

Josef Stalin

+++ VOR 91 JAHREN +++

Es ist der 21. Dezember 1929. Josef Stalin begeht seinen 50. Geburtstag (Offiziell der 21. Dezember 1879). Seine ergebensten Mitstreiter lassen ihn im Kreml hochleben und feiern den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in einer Festschrift als »besten Leninisten«, »großen Revolutionär«, »Erbauer des Sozialismus« und als »herausragenden marxistischen Theoretiker«. Nach der Ausschaltung der letzten Opposition um seinen ehemaligen Verbündeten Nikolai Bucharin ist Stalin jetzt unangefochtener Alleinherrscher.

Während das offizielle Moskau den »Führer« feiert, findet gleichzeitig die Zwangskollektivierung der Landbevölkerung statt, die aus ihren angestammten dörflichen Verhältnissen in staatlich verfügte Kolchosen gezwungen wird. Stalin lässt 120 Millionen Landbewohner enteignen, umsiedeln oder ermorden. Allein zehn bis zwölf Millionen Kulaken (Großbauern) werden deportiert, bis 1935 stirbt ein Drittel davon. Stalin vernichtet damit auch die russische Landwirtschaft, die sich nie mehr von diesem Schlag erholt.

Josef (Jossif) Wissarionowitsch Dschugaschwili kam als Sohn eines Schusters im georgischen Gebirgsstädtchen Gori zur Welt. Über das Geburtsdatum bestand lange Unklarheit. Offiziell wurde der 21. Dezember 1879 gerechnet, die neuere Forschung weist den 6. Dezember 1878 als Termin nach. Josefs Mutter Jekaterina, die Wirtschafterin eines orthodoxen Priesters, hatte es sich in den Kopf gesetzt, dass ihr Sohn Geistlicher werde.

Gegen den Widerstand des tyrannischen Vaters, der häufig Mutter und Sohn prügelte, gab Jekaterina Josef in die Kirchenschule von Gori. 1894 wechselte er ins Priesterseminar, aus dem er 1899 wegen seiner Kontakte zu marxistischen Zirkeln ausgeschlossen wurde. 1898 trat Josef in die georgische Marxisten Organisation »Messame Dassy« (Dritte Gruppe) ein. Seit dieser Zeit führte er den Kampfnamen Koba, den er sich vom Protagonisten eines georgischen Heldenepos lieh.

1901 wurde Koba-Josef zum Berufsrevolutionär. Er schloss sich der Russischen Sozialdemokratischen Partei Wladimir Iljitsch Lenins (1870 bis 1924) an. In Petersburg und im Kaukasus arbeitete er im Untergrund. 1912 wurde Dschugaschwili, der sich nun Stalin (»der Stählerne«) nannte, Mitglied des Zentralkomitees der radikalen, bolschewikischen Hälfte der Sozialdemokratischen Partei.

Biographie: Josef Stalin

6.12.1878: Stalin als lossif Wissarionowitsch Dschugaschwili im georgischen Gori geboren.

1894-1899: Besuch des Priesterseminars in Tiflis.

1898: Beitritt zur marxistischen Organisation » Messame Dassy« (Dritte Gruppe).

ab 1901: Mitglied in der Sozialdemokratischen Partei Lenins.

ab 1912: Mitglied des Zentralkomitees des bolschewistischen Flügels der Sozialdemokratischen Partei.

1922: Stalin wird Generalsekretär der KPDSU.

1924: Nach Lenins Tod Übernahme der Macht in der Sowjetunion.

1929: Nach der Ausschaltung der letzten Opposition ist Stalin unangefochtener Alleinherrscher

5.3.1953: Stalin stirbt in Moskau.

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Zeitungen zum 21.12.1929

Putsch der Bolschewiken

Nach der Revolution, die im Februar 1917 den Zaren Nikolaus II. (1868 bis! 1918) stürzte, kehrte Stalin aus der sibirischen Verbannung nach Petrograd (wie Petersburg von 1914 bis 1924 hieß) zurück, um beim Aufbau eines bolschewikischen Parteiapparates mitzuwirken. Wie Grigori Zinowjew (1883-1936) und Lew Kamenew (1883-1936) nahm Stalin anfangs gegen die Aprilthesen Lenins Stellung, der eine sozialistische Revolution in Russland forderte. Einzig Trotzki unterstützte Lenins Position. Stalin ging jedoch bald zu den stärkeren Regimentern über und wirkte am Putsch der Bolschewiken gegen die demokratische Regierung im Oktober 1917 mit. Die Hauptrollen hier spielten gleichwohl Lew Trotzki und Wladimir Iljitsch Lenin.

Nach der Oktoberrevolution am 7. November 1917 (nach dem Julianischen Kalender der 26. Oktober) wurde Stalin Volkskommissar (so nannten die Bolschewiken die Minister) für die Nationalitätenpolitik, später auch für die Arbeiter- und Bauerninspektion, die die Besetzung von staatlichen Posten kontrollierte. Als Politischer Kommissar der Bolschewiken nahm er am Bürgerkrieg teil, zeichnete sich aber nicht besonders aus. Auf dem 8. Parteitag 1919, der eine Neuorganisation der Parteistrukturen vornahm, wurde Stalin als einziger Parteiführer in die beiden wichtigsten Parteiorgane gewählt, in das Politbüro und das Organisationsbüro (Orgbüro). Damit hatte er im Gegensatz zu seinen Mitstreitern im Politbüro, dem wichtigsten Entscheidungsorgan der Partei, Einfluss auch auf die Parteistruktur. Insbesondere lag die Personalpolitik in der Kompetenz des Orgbüros. Hier lag der Schlüssel zu Stalins Aufstieg zur Macht.

Während Lenin durch seine Krankheit zunehmend daran gehindert wurde, die Politik zu bestimmen, baute Stalin gezielt seine Stellung aus. Alle wichtigen Personalentscheidungen in der Partei wanderten über seinen Schreibtisch. Auch die wichtigen Positionen in den staatlichen Organen wurden vom Orgbüro oder in besonders entscheidenden Fällen vom Politbüro vergeben. Bereits zu Beginn der 20er-Jahre legte Stalin somit die Grundlagen für seine spätere Machtfülle. Er stärkte seine Position entscheidend, als es ihm 1922 gelang, in das neu geschaffene Amt des Generalsekretärs der Partei zu gelangen. Hier liefen, da die Kommunistische Partei das Amt eines Vorsitzenden nicht kannte, alle Fäden des Apparates zusammen.

Am 21. Januar 1924 starb Lenin. In den Auseinandersetzungen um seine Nachfolge gelang es Stalin, sich am besten zu positionieren. Trotz eines politischen Testaments Lenins, in dem dieser vor der Grobheit und Machtfülle Stalins gewarnt hatte, befürchteten die meisten Parteiführer eher, Lew Trotzki könne die Macht an sich reißen, Grigorij Zinowjew und Lew Kamenew, die neben Trotzki einflussreichsten Politbüro-Mitglieder, verbündeten sich mit Stalin. Innerhalb eines Jahres gelang es ihnen, Trotzki aus dem Amt des Kriegskommissars zu drängen. Damit war Trotzkis Machtbasis gebrochen.

Nachdem Trotzki abgesetzt worden war, wurde Zinowjew und Kamenew, den ehemaligen Verbündeten Stalins, immer klarer, dass der Generalsekretär ihre Macht gefährdete. Stalin hatte längst die Masse der einfachen Parteideputierten hinter sich. Als Generalsekretär hatte er die Gelegenheit genutzt, den Apparat mit seinen Leuten zu durchsetzen, sodass ihm die innerparteiliche Opposition in Abstimmungen nicht mehr gefährlich werden konnte. Mit Hilfe seiner Mitstreiter zerschlug er bis 1927 ein Bündnis Trotzkis, Zinowjews und Kamenews. Trotzki wurde nach Kasachstan verbannt, Kamenew und Zinowiew wurden ihrer wichtigen Posten enthoben. Als Stalin nach der Niederschlagung der Opposition 1928 begann, harsche Maßnahmen durchzuführen, um das Land planmäßig zu industrialisieren und die Landwirtschaft zu kollektivieren, meldete sich eine neue Opposition um Nikolai Bucharin (1888-1938), den wichtigsten Theoretiker der Partei, Aleksei Rykow (1881-1938), den Nachfolger Lenins als Regierungschef, und Michail Tomski (1880-1936), den Gewerkschaftschef, zu Wort. Bucharin. Rykow und Tomski waren der Auffassung, dass das Land nicht mit Gewalt zum Sozialismus geführt werden konnte. Mit Hilfe verschiedener Intrigen gelang es Stalin, auch diesen Widerstand zu zerschlagen. Die Aufmüpfigen verloren ihre Ämter.

Selbstmord der Frau

Hartherzig wie in der Politik war Stalin auch im Privatleben. Seine Frau Nadeschda Allilujewa litt so unter den Grausamkeiten ihres Mannes, dass sie im Jahr 1932 Selbstmord beging. Sein Sohn Jakow, der gleichfalls schon einen Selbstmordversuch begangen hatte, geriet 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft. Als die Deutschen 1942 anboten, Jakow gegen Feldmarschall Friedrich Paulus auszutauschen, wehrte Stalin kühl ab: »Soldaten tauscht man nicht gegen Generäle.« Mit der Feier von Stalins 50. Geburtstag war jegliche Opposition ausgeschaltet. Ein Herrscherkult begann sich um ihn zu entfalten. Ein letzter mutmaßlicher Konkurrent, Sergei Kirow (geb. 1886), wurde im Dezember 1934 ermordet. Zwar konnte eine Anweisung Stalins zu diesem Mord bislang nicht nachgewiesen werden, der Tod Kirows diente jedoch als Startsignal für eine Säuberung (Tschistka), die bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs andauerte. Zehntausende echte oder vermeintliche Widersacher wurden ermordet. In einer Reihe von Schauprozessen ließ Stalin seine Gegner aburteilen. Seine ehemaligen Verbündeten Zinowjew und Kamenew waren die ersten Betroffenen.

Folter und Liquidierung

1936 ließ Stalin den Geheimdienstchef Genrich Jagoda verhaften und ersetzte ihn durch Nikolai Jeschow. Damit begann eine neue Periode des Terrors. In zwei weiteren Großprozessen wurde die gesamte frühere Parteispitze »liquidiert«. Die meisten Angeklagten hatte Stalin durch Folter brechen lassen. Der ehemalige Parteisekretär Krestinski widerrief vor Gericht sein Geständnis und wurde dafür tagelanger Folter unterworfen. Bucharin, der nicht gefoltert worden war, brachte vor Gericht den verwegenen Mut auf, alle kriminellen Anschuldigungen gegen sich (etwa den Vorwurf, 1918 Lenins Ermordung geplant zu haben) zurückzuweisen. Er wurde mit den meisten anderen Angeklagten zum Tode verurteilt. Seine Frau verbrachte 20 Jahre in Lagern, sein Sohn wuchs in Waisenhäusern auf: typische Schicksale in Stalins Sowjetunion. Insgesamt wurden nach derzeitigen Schätzungen zwischen 1937 und 1953 etwa 17 bis 23 Millionen Menschen verhaftet. Wie viele davon erschossen wurden oder an den Entbehrungen in den Lagern umkamen, ist kaum zu sagen. Allein für 1937/38 lassen sich 680 000 Hinrichtungen belegen, die Zahl der Todesopfer von Stalins Regime geht in die Millionen.

Wende durch Rote Armee

Stalin witterte überall Feinde, nicht nur in der Partei. 1937/38 ließ er 38 000 Offiziere der Roten Armee verhaften und »enthauptete« damit die Landesverteidigung. Der Nichtangriffspakt Stalins mit Adolf Hitler (1889 bis 1945) von 1939 war ein Versuch, vor einem möglichen deutschen Angriff Zeit für den Wiederaufbau der Armee zu gewinnen. Außerdem diente der Pakt Stalins Expansionsdrang. Nachdem die deutsche Wehrmacht Westpolen angegriffen hatte, marschierte die Rote Armee in Ostpolen, die Baltischen Staaten, die Bukowina und Bessarabien ein. Die lokalen Eliten ließ Stalin vernichten oder deportieren.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 traf Stalin zu diesem Zeitpunkt unvorbereitet. Millionen sowjetischer Opfer wären zu vermeiden gewesen, wenn er die Führung seiner Armee nicht hätte beseitigen lassen und nachrichtendienstlichen Erkenntnissen über den bevorstehenden Angriff geglaubt hätte. Fünf Millionen Soldaten gerieten in Gefangenschaft oder fielen, während Stalin paralysiert auf seiner Datscha saß.

Trotz der Fehler, die er als »Generalissimus« beging, gelang es der Roten Armee, in der Verteidigung von Moskau und Stalingrad Ende 1942/Anfang 1943 die Wende herbeizuführen. Innerhalb von zwei Jahren fiel Osteuropa bis zur Elbe in Stalins Hände. Bereits auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, an der die Staatsführer der Alliierten, Stalin, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt, teilnahmen, wurde deutlich, dass es mehr Gegensätze als Gemeinsamkeiten zwischen den Siegern gab. Auf der Potsdamer Konferenz wurde Europa im Sommer 1945 geteilt.

Der Krieg stabilisierte letztlich Stalins Herrschaft. Es gelang ihm, den Sieg auf seine Fahnen zu schreiben. Das System der Lager und Schauprozesse funktionierte weiterhin, nun auch in den kommunistischen Staaten des Ostblocks. Millionen wurden auch nach dem Krieg verhaftet und in Arbeitslager deportiert.

Am frühen Morgen des 1. März 1953 erlitt Stalin nach einer durchzechten Nacht eine Hirnblutung. Weil keiner seiner Diener oder Leibwächter nach ihm zu schauen wagte, aus Angst, der Diktator könne sich gestört fühlen, blieb Stalin etwa 24 Stunden ohne ärztliche Hilfe. Vier Tage später, am 5. März 1953, starb Stalin, der im Tod zum Opfer des eigenen Misstrauens wurde, auf seiner Datscha in Kunzewo.