Rückblick 2009 – Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise

Rückblick 2009 – Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise
Alan Greenspan bezeichnete die Krise im Oktober 2008 als einen "once in a century credit tsunami". - via Wikimedia Commons

+++ VOR 10 JAHREN +++

Als nach einem langen US-Immobilienboom die Spekulationsblase platzte, platzten auch die Kredite. Damit begann die schwerste Finanzmarktkrise seit Jahrzehnten, die sich mittlerweile zur Weltwirtschaftskrise entwickelt hat.

Die Ursachen – faule Immobilienkredite

Ausgelöst wurde die Finanzkrise durch den Zusammenbruch des Immobilienmarktes in den USA. Dort hatten sich auch Kleinstverdiener, begünstigt durch niedrige Zinsen und einfache Kreditvergabe, zum Hauskauf verleiten lassen. Die Banken ihrerseits bündelten ihre Immobilienrisiken zu Fonds und handelten die Anteile daran in Form von neuen Finanzinstrumenten, die aufgrund ihrer hohen Rendite-Versprechen auch in Europa sehr begehrt waren. So wurden in einem völlig undurchsichtigen Verfahren Immobilienkredite aufgekauft, um sie nur mit Gewinn an andere Banken weiter zu verkaufen – ein Kartenhaus aus Geldanlagen.

Mit der Erhöhung der Leitzinsen ab Juni 2004 durch die US-Notenbank wurde allerdings ein Domino-Effekt in Gang gebracht: Die Banken hoben in der Folge die Hypothekenzinsen an, viele Hausbesitzer konnten die Belastungen nicht mehr tragen, tausende von Häusern mussten verkauft werden, so dass die Immobilienpreise abstürzten. Immer mehr Finanzinstitute schrieben rote Zahlen, die Krise war nicht mehr aufzuhalten.

Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers gilt als Schlüsselereignis der Krise. Hatte der Staat im Fall der Hypothekenbanken Fanny Mae und Freddie Mac noch großzügig Bürgschaften gewährt und die Institute am 7. September unter seine Kontrolle gestellt, so blieb eine solche Intervention bei Lehman nun aus. Das 158 Jahre alte Institut hatte sich mit minderwertigen US-Hypothekenpapieren verspekuliert und meldete am 15. September 2008 Insolvenz an, mit über 600 Mrd. US-Dollar Schulden. Der Konkurs der viertgrößten Investmentbank löste ein Beben am Finanzmarkt aus. Zahlreiche weitere Investment-Institute, wie Merrill Lynch, Morgan Stanley oder Goldman Sachs flüchteten sich unter die Fittiche der Bank of America oder, wie die beiden letzteren, wurden einfache Holding-Unternehmen unter der Aufsicht der US-Notenbank. Der riesige Versicherungskonzern AIG (American International Group), bei dem sich die Banken gegen Pleiten versichert hatten, konnte nur mit einem Notfallkredit der US-Notenbank in Höhe von 85 Mrd. US-Dollar gerettet werden. Das Ende des Investmentbankings war damit besiegelt.

Internationale Rettungspakete

Schnell weitete sich die Krise nach Europa aus. In Deutschland vermochte nur ein Milliardenkredit der Regierung die schwer angeschlagene Hypo Real Estate, ein Hypothekenfinanzierer von vergleichbarer Bedeutung wie Lehman Brothers, zu stabilisieren.

Die staatlichen Landesbanken, die in die Immobilien-Kredite investiert hatten, wie beispielsweise die Sachsen LB, die IKB Deutsche Industriebank, die Bayern LB oder die West LB, gerieten durch Milliarden-Verluste in den USA in eine existenzbedrohende Krise.

Die Staaten reagierten mit Sofortprogrammen, um die Banken wieder zahlungsfähig zu machen und ein weiteres Bankensterben zu verhindern. So wurde in den USA am 3. Oktober 2008, allerdings erst im zweiten Anlauf, der Emergency Economic Stabilization Act gebilligt, ein staatlicher Bankenrettungsfonds von bis zu 700 Mrd. US-Dollar, um den Banken faule Kredite abzukaufen. In Deutschland legte das Kabinett am 13. Oktober 2008 ein Rettungspaket auf. das bis zu 400 Mrd. Euro für Bürgschaften für Kredite der Banken untereinander vorsieht und bis zu 80 Mrd. Euro für direkte Beteiligungen an Finanzinstituten. Als Erste drängten die Landesbanken unter den Schutzschirm des Staates. Im November 2008 beantragte dann auch die private Commerzbank eine Kapitalspritze.

International jagte ein Krisentreffen das nächste. Der Krisengipfel der 15 Euroländer am 12. Oktober 2008 in Paris beschloss gemein same Richtlinien für nationale Rettungspläne, um den Zahlungsverkehr untereinander zu gewährleisten. Zu den diskutierten Instrumenten gehören u. a. Kredite, Kapitalspritzen und Teil-Verstaatlichung besonders betroffener Banken sowie die Einrichtung sog. Bad Banks, staatliche Spezialinstitute, die den Geldhäusern Problemkredite abkaufen. Allein bei deutschen Banken summieren sich diese auf mehrere Hundert Milliarden Euro.

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Zeitungen zum 01.04.2009

Die Krise weitet sich aus

Doch schnell wurde klar, dass Kredite, Bürgschaften etc. nicht ausreichten, um das Problem an der Wurzel zu packen. Die Staats- und Regierungschefs von 20 führenden Industrie- und Schwellenländern (G20) einigten sich daher am 15. November 2008 in Washington auf Grundzüge zur Reform des Weltfinanzsystems. Hedgefonds und Ratingagenturen sollen fortan an die kürzere Leine genommen, Steueroasen eingedämmt werden.

Sehr viel schneller und durchschlagender als erwartet wurde auch die Realwirtschaft von der Finanzkrise erfasst. Trotz diverser Konjunkturprogramme geriet die Weltwirtschaft unter Druck. Als erste große Branche wurde die Autoindustrie mitsamt ihren Zulieferern von der Nachfrageflaute und mangelnden Kreditrahmen erfasst. Sie gilt als Schlüsselindustrie und kämpft vielerorts ums blanke Überleben. Schuld daran sind auch jahrelange verfehlte Produktionspläne. Die Manager der großen Drei der US-Branche, GM, Ford und Chrysler, betteln um Überbrückungsgelder in Milliarden-Höhe – zukunftsweisende Strategien indes haben sie nicht. Auch müssen sie, ähnlich wie die Bankmanager, Kritik angesichts völlig überzogener Gehälter und Missmanagement einstecken.

Das Comeback der Politik

Der Ruf nach dem Staat als Retter kam schnell aus vielen Branchen. Staatliche Konjunkturprogramme, Kredite und Finanzspritzen sollen die Binnenwirtschaft beleben und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit begrenzen. Denn viele Unternehmen leiden mittlerweile unter der Kreditverknappung, was zu sinkenden Investitionen und Existenzbedrohung führt.

Doch was kann die Politik tun? Wo sind die Grenzen der staatlichen Stützen? Wie weit können Regierungen in die Märkte eingreifen, ohne Wettbewerbsverzerrungen hervorzurufen? Konjunkturmaßnahmen und Kapitalspritzen gehen nur auf »Pump«, d. h. mit erheblicher Staatsverschuldung und bergen zudem das Risiko einer Inflation. Teilverstaatlichungen von Banken und Unternehmen sind keine Allheilmittel und gehören nicht zu den primären Aufgaben der Politik. Doch die muss schnell handeln, um Schlimmeres zu verhindern.

Die Bundesregierung setzt auf die Wirkung ihres 2. Konjunkturpakets. Mit einem Volumen von 50 Mrd. Euro ist es die größte staatliche Konjunkturstütze, die es jemals in Deutschland gab. Der Maßnahmenkatalog reicht von Steuersenkungen über einen Rettungsschirm für in Not geratene Unternehmen bis zu Investitionen in Schulen, in den Straßenbau oder Abwrackprämien für Altwagen.

Die Weltkarte zeigt das Wirtschaftswachstum im Jahr 2009. Länder in der Rezession sind braun. Gdp_real_growth_rate_2007_CIA_Factbook.PNG: Sbw01f, Kami888, Fleaman5000, Kami888derivative work: Mnmazur [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Weltkarte zeigt das Wirtschaftswachstum im Jahr 2009. Länder in der Rezession sind braun. Gdp_real_growth_rate_2007_CIA_Factbook.PNG: Sbw01f, Kami888, Fleaman5000, Kami888derivative work: Mnmazur [Public domain], via Wikimedia Commons

Nahezu alle Staaten greifen immer mehr in ihre nationalen Märkte ein, um die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu bekämpfen. So beschließt der Weltfinanzgipfel der G20 im April 2009 das größte Konjunkturpaket aller Zeiten: 1,1 Billionen US-Dollar werden den Finanzmärkten weltweit zur Verfügung gestellt, um das Vertrauen der Banken untereinander wieder aufzubauen und die Wirtschaft anzukurbeln. Die Zeit drängt, erwarten doch allein für Deutschland führende Wirtschaftsforscher 2009 einen Konjunktureinbruch von minus 5,6 %.

Das Ende der Gier? Neben all den materiellen Unterstützungsmaßnahmen werden gleichzeitig Stimmen laut, die nun endlich ein Umdenken in der Wirtschafts- und Finanzwelt fordern. Dies sei nun der Zeitpunkt zur Durchsetzung einer grundsätzlich neuen Finanzethik, die von der alten Idee der Maximierung des Shareholder Value wieder abrückt. Nicht der kurzfristige Profit durch Spekulationen an der Börse, sondern eine reale, nachhaltige Wirtschaft müsse im Mittelpunkt stehen. Das Finanzsystem muss wieder transparenter werden. Konstruierte Vergütungssysteme, die sich nicht an Leistung orientieren, sondern allenfalls eine ungezügelte Rendite-Gier fördern, werden ebenfalls als Auslöser der Finanzkrise angeprangert.