Ausgefallenes und Bizarres – kostspielig und wenig praktisch

Ausgefallenes und Bizarres – kostspielig und wenig praktisch
Jackett aus Breitschwanzklauen. Die Nähte zwischen den einzelnen Klauen sind durch Goldbordüren gedeckt. Modell der Firma P. M. Grünwaldt, 6, rue de la Paix, Paris und St. Petersburg. Hoflieferant des Kaisers von Russland. Weltausstellung 1900. Hors concours. By Engraving/Stich: Kossuth / Furrier/Firma: P. M. Grünwaldt; 6, rue de la Paix, Paris; St. Petersburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Mode 1900:

 Jackett aus Breitschwanzklauen. Die Nähte zwischen den einzelnen Klauen sind durch Goldbordüren gedeckt. Modell der Firma P. M. Grünwaldt, 6, rue de la Paix, Paris und St. Petersburg. Hoflieferant des Kaisers von Russland. Weltausstellung 1900. Hors concours. By Engraving/Stich: Kossuth / Furrier/Firma: P. M. Grünwaldt; 6, rue de la Paix, Paris; St. Petersburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Jackett aus Breitschwanzklauen. Die Nähte zwischen den einzelnen Klauen sind durch Goldbordüren gedeckt. Modell der Firma P. M. Grünwaldt, 6, rue de la Paix, Paris und St. Petersburg. Hoflieferant des Kaisers von Russland. Weltausstellung 1900. Hors concours. By Engraving/Stich: Kossuth / Furrier/Firma: P. M. Grünwaldt; 6, rue de la Paix, Paris; St. Petersburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Die elegante Mode des Jahres 1900 steht ganz im Zeichen der Pariser Weltausstellung. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts soll die Frauenkleidung nicht nur schick und reizvoll, sondern auch so extravagant und bizarr, so aufsehenerregend und phantastisch wie möglich sein. Den ausgefallensten Modelaunen sind unter dem Einfluss des Jugendstils Tür und Tor geöffnet.

Duftige Stoffe, speziell in allen Schattierungen von Blau, Grün und Lila, mit runenhaften Mustern oder großen Tupfern werden für leichte Straßenkleider bevorzugt. Als besonders elegant gelten einfarbige Promenadentoiletten, die mit echten Spitzen bedeckt sind. Um die Taille schlingt sich ein schwarzer Atlasgürtel, hinten fällt eine Schärpe aus schwarzer Seidengaze mit Atlasband herab. Die Röcke, deren bisherige Glätte nicht für jede Figur vorteilhaft war, werden durch eine oder zwei tiefe Quetschfalten, die in einer kurzen Schleppe auslaufen, belebt.

Bei den Kopfbedeckungen ist Stroh das am häufigsten verwendete Grundmaterial: Zartgelbe italienische Strohhüte mit einem Kranz pastellblauer Atlasrosetten an der aufgeschlagenen Seite oder Boleros aus schwarzem Stroh mit lachsfarbenem Schleifenschmuck und Federn. Auch in der Herrenwelt setzt sich Abwechslung in der Hutfarbe durch: Zylinder aus hellgelbem Baststroh mit schwarzem, breitem Moiréband sowie ganz weiße Filzzylinder sind das Neueste.

Bei der Ausgehtoilette der Dame ist der Spazierstock obligat, vorzugsweise mit kostbaren Griffen aus Emaille und Gold mit eingelegten Steinen oder aus altem getriebenem Silber mit künstlich verstümmelten Perlen und antiken Smaragden. Krücken aus englischem Kristall in Diamantschliff sind ebenfalls sehr gefragt. Aus Großbritannien kommt die Mode, sich auch an verborgenen Stellen, die höchstens beim Aufwirbeln des Kleides im Tanz oder beim Aussteigen aus dem Wagen sichtbar sind, zu schmücken. Ein breiter, glatter Goldreifen mit eingelegten Steinen um den Fußknöchel gilt als ausgesucht vornehm für die Straße. Im Ballsaal ist das Eleganteste eine goldene, juwelenbesetzte Schlange, die sich spiralenförmig um das Bein ringelt und mit dem Kopf dem Fuß aufliegt.

Der Einfluss des Jugendstils zeigt sich unter anderem auch bei den langen Lorgnon- oder Portebonheurketten, die noch immer zur eleganten Toilette gehören. An die

Stelle der feinen Kettenglieder mit eingeschobenen Perlen treten aus farbigen Edelsteinen geschnittene Blumen, vorzugsweise Kornblumen, hochroter Mohn, Vergissmeinnicht und Sternblumen.

Immer extravaganter werden die Herrenwesten. Samt und Brokat genügen nicht mehr. Als Gipfel der Eleganz gelten Herrenwesten aus Spitzen, die auf blaugrünem Atlasgrund aufgelegt sind. Bei Diners und im Theater herrschen mit Edelsteinen ausgenähte Gilets vor. Wer sich echte Steine nicht leisten kann, begnügt sich mit teuren unechten, die das Muster einer Damastweste ebenfalls vorzüglich zur Geltung bringen. Einfacher sind Westen aus bräunlichem Atlas, mit winzigen Goldpailletten in regelmäßigem Abstand benäht.

Als Clou des Jahres gelten in der Herrenwelt Zigarrenetuis aus Silber in Form einer Riesenzigarre. Die Behälter sind mit einer in Gold und Emaille nachgeahmten Papierbinde umgeben und fassen nur eine Zigarre. Der glückliche Besitzer kann somit nicht in die unangenehme Lage kommen, teures Rauchwerk anbieten zu müssen.

Auch die neuen Sonnenschirme für Damen sind ausgefallener als je zuvor. Als besonders modisch gelten die aus zwei Vierecken übereinandergespannten Schirme. Der Bezug des unteren ist einfarbig aus Taft, der obere aus chinierter Seide. Als schick gelten auch Modelle in der flachen, runden japanischen Form, mit phantastischen Goldvögeln und Blüten auf rosa oder weißem Seidenfond bestickt und mit geknoteten Fransen aus Seide.

Einem Zufall verdankt angeblich die neue Handschuhmode, bei der zwei verschiedenfarbige Handschuhe getragen werden, ihr Entstehen: Eine russische Fürstin nahm in der Eile von den zurechtgelegten Handschuhen je einen statt eines Paars und erschien mit einem schwarzen und einem weißen Handschuh zum rosa Tüllkostüm in der Petersburger Hofgesellschaft. Die Sensation war perfekt, doch keiner der geladenen Gäste dachte an eine zufällige Verwechslung, jeder hielt die Wirkung für beabsichtigt.

Einen zentralen Diskussionspunkt bildet bei der Frauenmode die sog. Reformkleidung. Der Allgemeine Verein für Verbesserung der Frauenkleidung hat die Aufmerksamkeit auf die Frage gelenkt, wie Kleidung auszusehen habe, damit die Trägerin nicht gesundheitlich geschädigt werde. Dabei geht es neben der Reform des Schuhwerks und der Strümpfe, der Beseitigung von Modeauswüchsen wie hohe Kragen und Schleppen vor allem um die am Oberkörper anliegende Kleidung. Die Hauptforderungen der Reformerinnen lauten: Beseitigung des Korsetts, Verminderung des Gewichts der Unterkleidung und Verteilung des Gesamtgewichts der Unterkleidung auf Schultern, Taille und Hüften. Zu dem Entschluss, aus gesundheitlichen Gründen mit der Mode zu brechen und »Hemdhosen« oder »Reformleibchen« zu tragen, können sich die meisten Frauen jedoch nicht durchringen.