Die Arbeitslöhne steigen – aber die Sozialpolitik stagniert

Arbeit und Soziales 1900:

Der Wachstumsschub, der in den 90er Jahren eingesetzt hat, wirkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nach. Dies äußert sich u. a. in der Erhöhung der nationalen Volkseinkommen, der Löhne und der Preise. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung verbessert sich die materielle Lage der Arbeiterschaft in den Industriestaaten zum Teil erheblich. Am deutlichsten lässt sich diese Entwicklung am Beispiel des Ruhrbergbaus nachvollziehen, wo der Jahreslohn von 946 Mark im Jahre 1893 auf 1332 Mark im Jahre 1900 gestiegen ist.

Allgemein steigen die Löhne im Deutschen Reich 1900 um etwa 2,3%. 834 Mark verdient ein Arbeiter durchschnittlich im Jahr. Die höchsten Löhne werden gezahlt in der Druckindustrie (1317 Mark) und im Baugewerbe (1072 Mark), am wenigsten verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilindustrie (594 Mark) sowie in der Papiererzeugung und -verarbeitung (612 Mark).

Die Hochkonjunktur hat, außer für landwirtschaftliche Erzeugnisse, einen allgemeinen Preisanstieg zur Folge. Der verstärkte Ausbau lukrativ erscheinender Industriezweige und der Neuaufbau von Industrien in zurückgebliebenen Ländern, wie z. B. in Russland, trägt nicht unwesentlich zu dieser inflationären Tendenz bei. Obwohl die Löhne nominell angehoben werden, erschwert der starke Preisanstieg die Besserstellung der Arbeiterschaft. Hinzu kommt, dass ein Zehn- bis Zwölf-stundentag noch immer die Regel ist und die Frauen- und Kinderarbeit nur unwesentlich eingeschränkt ist. In den hierarchisch strukturierten Betrieben, deren Ordnung nicht selten quasimilitärischen Charakter hat, herrschen Unternehmer und Vorgesetzte uneingeschränkt. Meist enden am Werktor die bürgerlichen Rechte Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit.

Die Streikbereitschaft der Arbeiter steigt in allen Industriestaaten. Außer im zaristischen Russland hat die Arbeiterschaft überall das Koalitionsrecht wenigstens für Industriearbeiter durchgesetzt. Auch die Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften macht Fortschritte, am stärksten in Großbritannien, wo sich bis 1900 über zwei Millionen Arbeiter gewerkschaftlich zusammengeschlossen haben.

Die staatliche Sozialgesetzgebung im Deutschen Reich ist ins Stocken geraten, obwohl die Reichsregierung solchen Vorwürfen mit dem Hinweis auf ihre Tätigkeit in der Arbeiterversicherung begegnet: Am 1. Januar 1900 tritt das Invalidenversicherungsgesetz in Kraft; die deutsche Arbeiterunfallversicherung der Jahre 1884 bis 1887 wird am 30. Juni 1900 durch ein Paket von fünf Gesetzen revidiert; die Revision der deutschen Krankenversicherung wird am selben Tag durch eine Novelle eingeleitet. Reichsgesetzliche Vorschriften gegen die Ausbeutung schulpflichtiger Kinder sind aufgrund einer Enquete in Aussicht gestellt worden. Dasselbe betrifft die Zustände in der Heimindustrie. Von Bedeutung ist hierbei die Änderung der deutschen Gewerbeordnung vom 30. Juni 1900, durch welche auch die bisher rechtlosen Handlungsgehilfen unter den Schutz des Gesetzes gestellt werden.