Reform in der Schule – Frauen an Universitäten

Bildung 1900:

Die Bildungsdiskussion in vielen Industriestaaten, am ausgeprägtesten im Deutschen Reich und in Frankreich, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Auseinandersetzung zwischen der traditionellen klassisch-humanistischen und der modern-technischen Richtung geprägt. Von großer Aktualität ist auch das Bemühen der Frauen, ihre gleichberechtigte Zulassung zum Hochschulstudium zu erreichen.

Die Hinwendung zur Technik wird an der verstärkten Förderung technischer Hochschulen deutlich. So soll die Anstalt in Charlottenburg bei Berlin durch eine Neugründung in Danzig entlastet werden, auch mit der Stadt Breslau und den oberschlesischen Industriegebieten führt der preußische Staat Verhandlungen über die Gründung einer technischen Hochschule.

Vorreiter der sog. Reformschule sind Altona und Frankfurt am Main. Der von Karl Reinhardt entwickelte Frankfurter Plan, so genannt nach dem seit 1892 beim Goethe-Gymnasium in Frankfurt durchgeführten Modell, sieht die Vereinigung von Gymnasium und Realgymnasium zu einer Gesamtschule vor, mit gemeinsamer Unterstufe, die zugleich Unterstufe für die Mittel- und Oberklassen lateinloser Real- und Oberrealschulen ist. In den drei unteren Klassen wird nur eine Fremdsprache gelehrt. Die Reformer halten es für bedenklich, wenn zu früh die Elemente mehrerer fremder Sprachen nebeneinander erlernt werden: »Die erste fremde Sprache, die der Knabe lernt, muß für mehrere Jahre die einzige sein, mit der er sich befaßt, und sie muß ihm auf möglichst empirischem, natürlichem Wege beigebracht werden.« Dies aber, so Reinhardt, sei nur möglich bei einer lebendigen Sprache, nicht bei Griechisch oder Latein. Die einzige lebendige Sprache, die sich dafür im Deutschen Reich eignet, sei das Französische.

Jeder deutsche Bundesstaat regelt das Unterrichtswesen selbstständig. Preußen verfügt über kein Schulgesetz im eigentlichen Sinne, sondern hat das Schulwesen durch allgemeine Bestimmungen geordnet.

Schulzwang besteht für Kinder des sechsten bis 14. Lebensjahres. Arme Schüler erhalten auf Kosten der Schulklasse einige Lernmittel unentgeltlich. Schulgeld wird nicht erhoben. In einer Klasse dürfen höchstens 70 Schüler sein. Das Schuljahr beginnt am 1. April bzw. nach Ostern. Die Aufsicht unterliegt weltlichen oder geistlichen Schulinspektoren, dem Gemeindeschulvorstand, der Regierung und dem Kultusministerium.

Das Schulwesen der anderen deutschen Staaten hat mit dem preußischen viel Ähnlichkeit, doch bestehen einige Unterschiede: In Bayern dauert die Schulpflicht vom sechsten bis zum 13. Lebensjahr für die Volksschule und bis zum 16. Lebensjahr für die Sonn- oder Feiertagsschule. In Sachsen dürfen in einer Klasse nicht mehr als 60 Schüler sein. In Württemberg dauert die Schulpflicht vom siebten bis zum 14. Lebensjahr, der Besuch der Sonntagsschule ist bis zum 18. Lebensjahr obligatorisch.

In Österreich-Ungarn dauert die Schulpflicht vom sechsten bis zum 14. Lebensjahr. Kein Lehrer darf gleichzeitig mehr als 80 Kinder unterrichten. Das Schuljahr beginnt im Frühjahr. Anfang und Dauer der täglichen Schulzeit werden vom Ortsschulrat festgelegt. Die wöchentliche Schulzeit darf 32 Stunden nicht überschreiten. Die einzelnen Kronländer bestimmen den Lehrplan selbstständig nach den vom Ministerium vorgegebenen Normen. Körperliche Züchtigung ist verboten. – Die sich auf die Volksschule aufbauende dreiklassige Bürgerschule vermittelt Kenntnisse, die auf die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden und Landwirte zugeschnitten sind.