Alpen, Bäder, Karussells

Urlaub und Freizeit 1901:

Urlaub bleibt größtenteils ein Privileg der wohlhabenden Schichten. Besonders die Alpenregionen und die Seebäder an Nord- und Ostsee sind bei Jung und Alt gleichermaßen beliebt. Die Großstädte bieten dagegen gerade in den Sommermonaten wenig attraktive Alternativen. Vor allem Kinder leiden unter fehlenden Spiel- und Freizeitmöglichkeiten.

Wochenblätter wie die »Illustrirte Zeitung« berichten in einer gesonderten Rubrik »Alpines« über die Entwicklung im Alpentourismus. Ausführlich werden die Aktivitäten einzelner Sektionen der bestehenden Alpenvereine im Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz vorgestellt. Dazu zählen beispielsweise die Errichtung und Ausstattung von Schutzhütten, Markierung von Wegen und Koordination von Führungen. Berichtet wird auch über die sportlichen Höchstleistungen einzelner Alpinisten bei der Besteigung von Berggipfeln.

Neben dem Hochgebirge üben die Seebäder nach wie vor eine große Attraktivität auf die Minderheit der Bevölkerung aus, die sich eine Urlaubsreise finanziell erlauben kann. Eigens organisierte Gruppenreisen für Kinder werden immer populärer, zumal sich gerade Seebäder als für Kinder besonders geeignet erweisen. Diesen Trend bestätigt auch ein Feuilleton-Beitrag in »Die Woche«, wo es heißt: »Am allerbesten haben es vielleicht die Kinder, die ihre Ferienwochen an der See verleben dürfen. Das allerschönste und ungefährlichste Spielmaterial, der reine, feine Sand, steht ihnen hier in ungemessenen Mengen zur Verfügung … Unsere zahlreichen Nord- und Ostseebäder sind denn auch zur Sommerferienzeit die reinen Kinderstuben …«

Derartige Artikel können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Großteil der Kinder, vor allem aus unteren Schichten, die Urlaubszeit zu Hause verbringen muss. Dabei bleiben diesen Kindern in den größeren Städten meist nur die Spielplätze zum Zeitvertreib in den Ferientagen. Der Zustand von Spielplätzen ist gerade während der Sommermonate in der Presse Zielscheibe der Kritik. Beklagt wird eine völlige Überbeanspruchung, wenn – wie in Hamburg – die Spielplätze gleichzeitig für den Sport freigegeben sind. Das Problem verschärft sich durch die Tatsache, dass die Zahl der Spielplätze in deutschen Großstädten stark begrenzt ist. In diesem Zusammenhang heißt es im »Hamburger Fremdenblatt« vom 21. Juli: »Aber wie traurig sieht’s in Hamburg mit Spielplätzen aus! Man gehe nur beim jetzigen schönen Wetter nachmittags zum Rathausmarkt oder zu sonst einem freien Fleckchen. Zu Hunderten wimmeln da die Kleinen herum, daß man sich wundern muß, wie sie es in dem Staub aushalten können. Gesundheitsfördernd können Spiele in solcher Luft unmöglich sein.« In vielen deutschen Städten wird der Bau von Spielplatzanlagen, Badeanstalten u. Ä. gefordert.

Noch drastischer allerdings machen sich die geschilderten Probleme in Millionenstädten wie z. B. New York bemerkbar. In den ärmsten Stadtteilen dieser größten US-amerikanischen Stadt »… wogt nahe den Flußufern die unglückliche, die Brutkästen derTenementhäuser [Mietskasernen] bewohnende Menge. Sie scheint sich im Hochsommer so gewaltig vermehrt zu haben, weil jeder der unerträglichen Wohnung entflieht, um auf der sonnendurchglühten Straße, auf den Feuerleitern und Dächern Linderung zu suchen« – wie es eine Reportage im »Hamburger Fremdenblatt« schildert. Für gutsituierte Kreise dagegen bietet der Strand von Coney Island, der per Eisenbahn, Schiff und elektrischer Straßenbahn erreichbar ist, ausreichend Sommervergnügen: »Besonders an Sonntagen ist es ein gar buntes Bild, wenn die vielen Tausende von Männlein und Weiblein gemeinsam in die Fluten tauchen und sich stundenlang daselbst vergnügen.« Darüber hinaus sorgen Karussell und Schausteller für vielfältige Abwechslung.