Exotenobst für Minderheit

Ernährung, Essen und Trinken 1901:

Die Ernährung innerhalb der deutschen Bevölkerung ist entsprechend den schichtspezifischen Einkommensverhältnissen unterschiedlich. In der Presse erscheinen zunehmend Beiträge, die auf eine gesunde und abwechslungsreiche Kost zielen.

Eine Untersuchung in schlesischen Fabrikarbeiter-Haushalten (durchschnittliches Jahreseinkommen: 803 Mark) zeigt, dass für Nahrung rund 61% des Einkommens aufgewendet werden. Ein städtischer Arbeiterhaushalt in Dresden gibt – bei erheblich höheren Mietkosten – noch immer knapp 50% für Nahrungsmittel aus. Ein Berliner Privatbeamten-Haushalt benötigt nur 23,5% des Einkommens für den täglichen Haushalt; die tatsächliche Summe liegt mit 1020 Mark erheblich höher als bei dem Arbeiterhaushalt (rund 390 Mark).

Nahrungsmittel-Preisklassen (Nach: »Die Woche« Nr. 16/1901)

  • Billigste Klasse: Kartoffeln, Brot, Mehl, Körnerfrüchte, Zucker
  • Mittlere Klasse: Milch und Molkereiprodukte, billigere Fische, fettes Schweinefleisch, fast alle Fette
  • Teuerste Klasse: übrige Schlachttiere, Eier, Wild und Geflügel, Kraut- und Blattgemüse, Obst.

Der Anteil, der für Nahrungsmittel ausgegeben wird, ist stark abhängig vom jeweiligen Familieneinkommen. So kommen längst nicht alle Bevölkerungskreise in den Genuss der neuartigen Gemüse- und Fruchtsorten, die verstärkt auf den deutschen Markt gelangen. Vor allem sind es Früchte aus exotischen Ländern, die aufgrund der immer besseren Verkehrsverbindungen neu im Angebot sind. Hierzu zählen z. B. Bananen, Mandarinen und Ananas, aber auch Erdnüsse. Familien mit niedrigem Einkommen sind gezwungen, möglichst billige Lebensmittel mit hohem Nährwert zu finden.

Zu diesen gehören etwa der Hering sowie Körner- und Hülsenfrüchte. Auch die Milch wird als Nahrungsmittel immer interessanter: »Der Umstand, dass Kinder und junge Tiere ein Jahr und länger ausschließlich von Milch leben können und sich dabei gut entwickeln, ist Beweis dafür, dass die Milch alle Nährstoffe, die der Körper braucht, enthält, und zwar in sehr gedeihlichem, das heißt leicht verdaulichem Zustande.« Allerdings wird zugleich auf die Gefahr bakterieller Verseuchung durch die Milch hingewiesen – besonders bei der Ernährung von Kindern. Das gleiche Problem ergibt sich bei der Herstellung von Butter. Dennoch gilt die Butter nach wie vor als gesünder im Vergleich zu der künstlich hergestellten Margarine. Diese wird von den Landwirten als billiges Ersatzprodukt für Butter bekämpft.

Den entscheidenden Zusammenhang von Kindersterblichkeit und Ernährungsweise erörtern verschiedene populäre Zeitschriften im Deutschen Reich. Anhand statistischer Untersuchungen wird festgestellt, dass die Ernährung von Säuglingen mit Muttermilch nicht nur einen »ungeheuren Vorzug« bildet, sondern geradezu eine »Lebensfrage« ist.

Die Tageszeitung »Hamburger Fremdenblatt« weist bereits im Sommer darauf hin, dass die Zolltarifvorlage gravierende Auswirkungen auf die Kosten der Ernährung haben wird: »Kornzölle aber sind ungerechtes Menschenwerk, das in Zeiten des Mangels tiefe Erbitterung und Unzufriedenheit, ja selbst offenen Aufruhr zeitigen muß und vielfach gezeitigt hat… [Allerdings hat es] eine bittere Berechtigung, von Brotwucher insbesondere gegenüber den Versuchen zu reden, die bestehenden Getreidezölle noch weiter zu erhöhen.« Im neuen deutschen Weingesetz wird der Zusatz von wässriger Zuckerlösung zur Verbesserung des Weines erlaubt. Allerdings darf nach den neuen Bestimmungen die Menge des Weines dadurch nicht »erheblich«, d. h. um mehr als 25%, gesteigert werden.