Frauen weiter diskriminiert

Bildung 1901:

Das Bildungswesen ist gekennzeichnet von dem Versuch diskriminierter Bevölkerungskreise, ihre Emanzipation durchzusetzen. Im schulischen und universitären Bereich finden Umstrukturierungen zugunsten der Naturwissenschaften statt.

Immer noch wird im Deutschen Reich breiten Bevölkerungskreisen, vor allem Frauen und Arbeitern, der Zugang zu weiterführenden Bildungseinrichtungen erschwert bzw. ganz verwehrt. Die Frauenrechtlerin Anita Augspurg schreibt in einem 1901 veröffentlichten Aufsatz: »Betrachten wir nun die wissenschaftlichen Berufe, so finden wir, daß sie in manchen Ländern [d. h. ausländischen Staaten] rückhaltlos, in andern mit größeren oder geringeren Einschränkungen, überall aber in weit größerem Maß als in Deutschland und Österreich-Ungarn von den Frauen in Besitz genommen sind.« Nach Angaben von Anita Augspurg widersetzen sich in den deutschen Bundesstaaten – bis auf Baden – die »Kultusministerien hartnäckig teils ohne Angabe, teils mit Angabe ihrer Gründe der Einrichtung von städtischen oder privaten Lehranstalten für Mädchen, die bei systematischem gründlichem Aufbau zur Universitätsreife hinführen …«. So bleibt den jungen Frauen nach absolvierter Töchterschule nur die private Vorbereitung und die Ablegung des Abiturs als Externe bzw. »Wilde«. Während jedoch in Baden Frauen seit 1891 zum Universitätsstudium zugelassen werden, ist eine Immatrikulation als ordentliche Studierende im größten und bedeutendsten Bundesstaat Preußen erst ab 1908 möglich. Frauen können bislang nur als Gasthörerinnen an den Vorlesungen teilnehmen. Als positives Gegenbeispiel dazu nennt Anita Augspurg die Verhältnisse in den skandinavischen Ländern: In Schweden etwa werden Frauen seit 1873 zu allen Fakultäten zugelassen.

In Preußen wird 1901 der Zugang zur Universität für die Absolventen aller anerkannten höheren Schulen erweitert. Im Anschluss an diese Schulreform verzeichnet das höhere Schulwesen in Preußen – ebenso wie im übrigen Reichsgebiet – einen deutlichen Aufschwung; vor allem die Zahl der Oberrealschulen, mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Ausrichtung, nimmt erheblich zu. Auch die Realschulen spielen eine immer größere Rolle. Allerdings führt die Neuordnung im preußischen Schulwesen zu personellen Engpässen: Bereits am 1. März 1901 debattierte das Abgeordnetenhaus in Berlin über eine Anfrage zur Lehrerknappheit im Volksschulbereich. Nach Angaben des preußischen Kultusministers Konrad Studt sind rund 1500 Lehrerstellen unbesetzt. Bei der Debatte wurde zugleich auf die schlechte Besoldung der Volksschullehrer hingewiesen.

Auch die Lehrpläne in preußischen Schulen werden im Anschluss an die Schulkonferenz von 1900 umgestaltet. Im Rahmen des umstrittenen »Schulpatriotismus« gilt z. B. die »Pflege des Nationalbewusstseins« im Deutsch- und Geschichtsunterricht als Leitlinie der pädagogischen Bestrebungen.

Zu den seit Kurzem entstehenden sog. Reformgymnasien zählt eine höhere Schule in Charlottenburg (heute zu Berlin), die für einen Aufwand von über 500 000 Mark fertiggestellt wird und über vorbildliche naturwissenschaftliche Einrichtungen verfügt. Reformgymnasien unterscheiden sich von anderen Schulformen vor allem durch den Lehrplan, der modernen Sprachen, naturwissenschaftlichen und musischen Fächern den Vorrang gibt. Daneben werden unkonventionelle Alternativen zum bestehenden Schulsystem verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert.