Jugendstil setzt Maßstäbe

Jugendstil setzt Maßstäbe
Musikzimmer des Hauses Behrens in Darmstadt mit Schiedmayer-Flügel, By Verlag Alexander Koch [Public domain], via Wikimedia Commons

Architektur 1901:

Im Jugendstil werden die Grundlagen der modernen Architektur weiter ausgeprägt. Die Entwicklung funktioneller Baukunst weist dabei ebenso in die Zukunft wie etwa die Verwendung von Stahlbeton als Material.

Die große Darmstädter Jugendstil-Ausstellung hinterlässt auch bedeutende architektonische Dokumente. Unter Leitung von Joseph Maria Olbrich entstanden in Darmstadt die ersten konsequent im Jugendstil verwirklichten Gebäudekomplexe. Besonders hervorzuheben sind das von glatten Oberflächen und einfachen Formen gekennzeichnete Ernst-Ludwig-Haus von Olbrich sowie das Haus Behrens des ebenfalls nach Darmstadt berufenen Peter Behrens. Beide Architekten üben maßgeblichen Einfluss auf die Baukunst des 20. Jahrhunderts aus. Olbrich zählt – wie auch der österreichische Architekt Adolf Loos – zu den bedeutendsten Schülern von Otto Wagner, dessen »Nutzstil« sich in Zweckbauten z. B. für die Wiener Stadtbahn äußert.

Parallel zum »Wiener Jugendstil« ist München der Mittelpunkt im Deutschen Reich. Neben August Endell zählen Bernhard Pankok und Richard Riemerschmid zu den wichtigsten Vertretern der Münchner Richtung.

Ein weiteres europäisches Zentrum des Jugendstils, der sich prägend auf die Architektur des 20. Jahrhunderts auswirkt, ist Brüssel. Victor Horta – neben Henry van de Velde führender Vertreter des belgischen Jugendstils – entwirft mit dem im Jahr 1901 fertiggestellten Brüsseler Warenhaus A l’Innovation ein ausgereiftes Jugendstil-Werk. Eine speziell schottische Variante des Jugendstils stammt von Charles Rennie Mackintosh. Sein 1901 in Darmstadt veröffentlichter Entwurf »Haus eines Kunstfreunds« erlangt im Deutschen Reich Bedeutung. Das pragmatische Zusammenspiel von Funktion, Konstruktion und Material ist wegweisend für die zukünftige Architektur. Das erweist sich auch an stadtplanerischen Utopien: Der am 13. August 1869 geborene französische Architekt und Sozialist Tony Garnier – Träger des Rom-Preises 1899 – beginnt mit der Arbeit an Entwürfen zu seiner »Cité industrielle« (bis 1904). Mit ihren großen Gebäudekomplexen, freien Plätzen und Fußgängerwegen handelt es sich um ein völlig neues, rationalisiertes Konzept der Stadtplanung. Dabei teilt Garnier die für 35 000 Einwohner konzipierte Industriestadt nach ihren Funktionen auf, wobei das Fehlen von Kasernen und Gefängnissen auch Ausdruck eines sozialen Ideals ist.

Die bei Architekten wie Garnier und seinem Landsmann Auguste Perret im »Maschinenzeitalter« erkennbare Hinwendung zu funktionaler Baukunst – ausgedrückt in der Verwendung von Stahlbeton als Baumaterial – tritt auch in den USA deutlich in Erscheinung. So bekennt sich Frank Lloyd Wright, der bedeutendste US-amerikanische Architekt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bereits früh in zwei Vorträgen in Chicago zur Maschine als Prinzip organischen Wachstums. Unter dem Titel »Die Kunst und Fertigkeit der Maschine« referiert er vor der Arts and Crafts Society pathetisch: »Und die Gewebestruktur dieses großen Dinges, dieses Vorläufers der Demokratie, der Maschine, ist, Partikel um Partikel, in blindem Gehorsam dem organischen Gesetz gegenüber niedergelegt worden, dem Gesetz, für das das große Solaruniversum auch nur eine gehorsame Maschine ist.«

Wright wie auch sein Lehrer Louis Henry Sullivan zählen zur Chicagoer Schule. Mit ihren Stahlskelett-Konstruktionen beeinflusst sie seit den 1880er Jahren die moderne Architektur – in Europa greift beispielsweise Adolf Loos die Anregungen der US-amerikanischen Baukunst auf. Aus dem für die Chicagoer Schule bedeutenden Architekturbüro »Adler and Sullivan« stammt unter anderem das Warenhaus Carson, Pirie, Scott & Co. in Chicago, das 1901 fertiggestellt wird (Baubeginn 1899; Erweiterungen 1903/04).