Monarchie und Bürgertum rüsten sich für das neue Jahrhundert

Monarchie und Bürgertum rüsten sich für das neue Jahrhundert
Siegesallee in Berlin, Postkarte 1902. See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons

Politik und Gesellschaft 1901:

»Berlin hat neuerdings durch die Aufstellung der Denkmäler der brandenburgischen Herrscher einen neuen Schmuck bekommen, auf den es stolz ist und stolz sein kann. Die Siegesallee bietet einen prächtigen Anblick dar mit ihren glänzenden weißen Denkmälern … So kann man der Stadt Berlin nur Glück wünschen zu dem Geschenk, das sie durch die Güte des Kaisers erhalten hat.«

Auf diese Weise äußert sich im besten Untertanengeist ein Berliner Primaner zu der am 18. Dezember 1901 in der deutschen Hauptstadt eingeweihten Siegesallee. Preußenverehrung und Nationalstolz klingen aus diesem Schüleraufsatz über die steinerne Darstellung preußischer Herrscher.

Die offiziellen Kreise des deutschen Kaiserreiches und seiner Bundesstaaten beginnen das 20. Jahrhundert voller Selbstbewusstsein. An deren Spitze stehen »gekrönte Häupter«; parlamentarisches Bewusstsein spielt für viele eine nur untergeordnete Rolle. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. beispielsweise – zugleich preußischer König – sonnt sich bei dem im Januar stattfindenden 200-jährigen Preußen-Jubiläum im überkommenen Glanz der Monarchie. An seinem cäsarischen Selbstverständnis hindern ihn auch nicht die kritischen Reaktionen der liberalen Öffentlichkeit, die seine selbstherrlichen Entscheidungen und peinlichen Entgleisungen verurteilen.

Hervorstechendster Ausdruck des Machtbewusstseins breiter bürgerlicher Kreise ist die mit großem propagandistischem Aufwand verfochtene Flottenaufrüstung. Der Argwohn anderer europäischer Großmächte über den deutschen Flottenbau wird beiseitegefegt. Selbstgefälliger Stolz herrscht im Bürgertum auch über den bescheidenen deutschen Kolonialbesitz: Mit Euphorie werden selbst banale Meldungen über die neuesten Entwicklungen in den Kolonialgebieten verbreitet. Auf der anderen Seite sind politische Gegenströmungen – trotz vielfältiger Unterdrückungsmechanismen – immer weniger zu überhören; sie stellen Alternativen dar zur herrschenden »wilhelminischen« Gesellschaft und Kultur.