Problem Arbeitslosigkeit

Arbeit und Soziales 1901:

Die soziale Absicherung der Arbeiter gehört zu den ungelösten Schwierigkeiten, die auch in der Öffentlichkeit breit diskutiert werden. Im Vergleich zum Vorjahr steigt die Arbeitslosigkeit an.

Genaue Arbeitslosenzahlen für das Deutsche Reich liegen nicht vor, da es keine zentrale Erfassung der reichsweiten Arbeitslosigkeit gibt. Allerdings gibt es Zahlen für einzelne Städte: Einer gewerkschaftlichen Zählung zufolge sind in Berlin im Winter 1901/02 rund 77 000 Menschen arbeitslos, darüber hinaus gibt es 53 000 Kurzarbeiter. Die Arbeitslosigkeit unterliegt dabei starken regionalen und branchenabhängigen Schwankungen. Nach einer Schätzung sind beispielsweise in der Berliner Maschinenindustrie gegen Ende des Jahres mindestens 15% der Arbeitskräfte ohne Beschäftigung. Trotz dieser hohen Zahlen und einer entsprechenden Aufforderung der SPD-Fraktion im Berliner Stadtparlament sieht sich der Berliner Magistrat zu keinen besonderen Maßnahmen gegen die Arbeitslosigkeit genötigt.

Aufgrund der meist unzureichenden sozialen Absicherung bei Arbeitslosigkeit gibt es zahlreiche Stimmen, welche die Einführung einer allgemeinen Arbeitslosenversicherung fordern. Die bürgerliche Zeitschrift »Die Woche« erörtert angesichts der immer deutlicher werdenden Wirtschaftskrise solche Vorschläge. Sie führt Beispiele der gewerkschaftlichen bzw. kommunalen Selbsthilfe aus dem In- und Ausland an, so etwa die seit 1896 bestehende »Stadtkölnische Versicherungskasse gegen Arbeitslosigkeit im Winter«. Abschließend heißt es: »Soviel steht freilich fest: Aus eigenen Mitteln werden die in Betracht kommenden Kreise eine Versicherung nicht bewirken können; ein bedeutender Zuschuss von Seiten der Gemeinden oder des Staats wird immer erforderlich sein.« Tatsache ist, dass die Arbeitslosenversicherung fast durchweg den Berufsverbänden (Gewerkschaften) überlassen wird; die Unorganisierten und ihre Familien müssen die Folgen von Arbeitslosigkeit allein tragen. Auch bei der Arbeitsvermittlung wird über zahlreiche Missstände geklagt. Sie ist nach wie vor meist der Willkür des freien Marktes ausgesetzt. Dabei führt das private Gewinnstreben der Agenturen zu vorschnellen Vermittlungen und fördert den Stellenwechsel. Zwar wurde im Vorjahr eine Konzessionspflicht eingeführt, aber die staatliche Kontrolle erweist sich als wenig effektiv. Immerhin existieren – neben Selbsthilfeorganisationen etwa der Gewerkschaften – vereinzelt bereits kommunale »Arbeitsnachweise«. Diese Vorläufer der Arbeitsämter vermitteln und erfassen freie Stellen. Die ersten »Arbeitsnachweise« entstanden 1894/95 in Süddeutschland.

Die Streiktätigkeit ist vor dem Hintergrund rezessiver Tendenzen in der Wirtschaft und einem erstmals seit Jahren wieder sinkenden Lebensstandard (vgl. Tabelle) zurückgegangen. Angesichts dieser Lage fürchten die Arbeiter, bei einem Streik ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Insgesamt werden in diesem Jahr 1056 Arbeitskämpfe verzeichnet (1900: 1433), an denen zusammen 55 262 Arbeiter (1901: 122 303) mitwirken. Über 10% der Arbeiter leiden unter Aussperrungsmaßnahmen durch die Unternehmer. Die Ursachen der Streiks liegen vorwiegend in Lohnfragen; die Ziele sind die Aufrechterhaltung oder Erhöhung des Lohnes bzw. Festsetzung von Mindestlöhnen. Aber auch Arbeitszeitregelungen oder Solidarität mit entlassenen Kollegen zählen zu den Gründen für die Streiks, die meistens nur lokale Bedeutung haben.