Sozialdemokratische Gegenkultur als Antwort auf soziale Missstände

Politik und Gesellschaft 1901:

Stärkste oppositionelle Kraft ist die im öffentlichen Leben diskriminierte und durch das ungleiche Wahlrecht benachteiligte Sozialdemokratie. Rund zehn Jahre nach Aufhebung des Sozialistengesetzes repräsentiert sie mit ihren Bildungs-, Freizeit- und Sportvereinen und mit ihrer Presse eine eigene Kultur und Lebenswelt. Sie setzt dem im Bürgertum vorherrschenden chauvinistischen Gedankengut und den feudalen Relikten die Forderung nach Demokratisierung entgegen. Die Konflikte entzünden sich jedoch nicht allein an politischen Fragen, denn die Bevölkerung wird im Rahmen des sich entwickelnden Industriekapitalismus einem einschneidenden Wandel ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund ist die vielzitierte »soziale Frage« ein brennendes, von offizieller Seite häufig ignoriertes Problem. Niedriger Lohn, geringer oder gar kein Schutz vor Arbeitslosigkeit und deren Folgen sowie eine katastrophale Wohnungsnot zählen für die unteren Schichten zum Alltag. Neben der Arbeiterbewegung werden auch innerhalb des Bürgertums reformorientierte Gruppen aktiv und rufen zur Bekämpfung der sozialen Missstände auf. Gegen die Vorstellung von Frauen als »Menschen zweiter Klasse« engagiert sich die Frauenbewegung – sie ist sowohl im proletarischen als auch im bürgerlichen Milieu etabliert. Wesentlicher Ausdruck ihres Kampfes für Emanzipation ist die nicht nur im Deutschen Reich aktuelle Forderung nach einem Frauenwahlrecht. Während noch in keinem europäischen Staat ein nationales Frauenstimmrecht existiert, wird es in Norwegen auf kommunaler Ebene erstmals eingeführt.