Wohnungsnot für die einen, neues Wohnen für die anderen

Wohnen und Design 1901:

Das Wohnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist bestimmt von krassen Gegensätzen. Auf der einen Seite gibt es den Aufbruch zu anderen Wohnformen in einer neuen Architektur, auf der anderen Seite herrscht vor allem in den immer größer werdenden Städten Wohnungsnot.

Der knappe Wohnraum ist in den letzten Jahrzehnten immer teurer geworden. Die hohe Mietbelastung trifft besonders die Arbeiter. Sie müssen bis zu einem Drittel ihrer gesamten Einnahmen für die Miete aufwenden. Bleibt einmal der Lohn aus, droht sehr schnell die Obdachlosigkeit. So zählt allein der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose in seinen beiden Übernachtungsstätten 1901 mehr als 315 000 Übernachtungen.

Immer weitere Kreise in der Gesellschaft sehen die dringende Notwendigkeit, das Bau- und Wohnungswesen durch Gesetze zu verbessern. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) fordert z. B. auf ihrem Lübecker Parteitag in einer Resolution die Reform des Mietrechts sowie einen besseren Schutz vor Miet- und Bodenspekulation. Zu den entschiedensten Verfechtern einer Neuordnung des städtischen Bodenrechts zählt der Frankfurter Oberbürgermeister Franz Adickes. Die von ihm vorgeschlagenen Bestimmungen, welche die Enteignung vereinfachen, werden 1901 im preußischen Abgeordnetenhaus diskutiert. Das Gesetz (»Lex Adickes«) tritt 1902 in Kraft, allerdings begrenzt auf Frankfurt am Main.

Neue Formen und Möglichkeiten des Wohnens bringt das Zusammenspiel von moderner Architektur und Kunstgewerbe. Nur dem gehobenen Bürgertum ist es allerdings möglich, den Wohn- und Einrichtungsvorschlägen der großen Jugendstilausstellung zu folgen, die am 15. Mai in Darmstadt eröffnet wird. Im modernen Haus, im Geschmack des Jugendstils, dominieren Weite und Lichte. Angestrebt wird ein einheitlicher Stil für die gesamte Wohnung. Helle Farben und große Fenster lassen die Zimmer geräumig wirken. Beliebt sind symbolische Dekorationen, die auf die Bestimmung des Zimmers Bezug nehmen. Die Farbe der Zimmertüren ist auf den Raum abgestimmt, und die Schlösser und Klinken sind künstlerisch ausgestaltet. Alles Schwere und Drückende wird in dieser neuartigen Einrichtung vermieden. Natürliche Materialien wie Holz stehen im Vordergrund. Auf die Verbindung von Schönheit und praktischem Nutzen wird Wert gelegt. Zu einem modernen Haus sollten elektrische Beleuchtung, Warm- und Kaltwasserversorgung, Badezimmer und eine zeitgemäße Kücheneinrichtung gehören.

Das Berliner Kunstgewerbemuseum erwarb auf der Weltausstellung 1900 in Paris repräsentative Erzeugnisse des modernen Kunstgewerbes. Sie werden 1901 in der Reichshauptstadt gezeigt. Dazu gehören Vasen aus der Manufaktur von Sevres, von Emile Galle und Louis C. Tiffany, Vorhänge der Norwegerin Frida Hansen und Schmuckkämme von Rene Lalique. Ebenfalls in Berlin ausgestellt sind die Möbel, die im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. im Barock- und Louis-XV.-Stil gefertigt wurden. In bürgerlichen Wohnungen existieren noch verschiedene alte Einrichtungsstile nebeneinander.