Auf in die Sommerfrische

Urlaub und Freizeit 1902:

Urlaub und Freizeit sind um die Jahrhundertwende Begriffe, die für einen Großteil der Menschen so gut wie keine Rolle spielen. Nach über zwölf Stunden Arbeit in der Fabrik oder auf dem Feld steht wenigen der Sinn nach Unternehmungen, denn auf die Frauen warten Haushalt und Kinder und auf die Männer allenfalls ein Kneipenbesuch. Vielleicht reicht das Geld nicht einmal für einen Sonntagsausflug – eines der erschwinglicheren Freizeitvergnügen. Versehen mit Butterbroten geht es auf in die Umgebung der Städte, wo die Hängematte von Baum zu Baum gespannt wird und die Mütter für das Picknick sorgen. An besonders schönen Aussichtspunkten locken Gartenlokale, wo die Familien ihren mitgebrachten Kaffee kochen können.

Urlaub erhalten Arbeiter und gewerbliche Lehrlinge im Normalfall überhaupt nicht, und so sind Reisen für sie kaum durchführbar. Einzig ihren Kindern wird in sog. Ferienkolonien Erholung außerhalb des engen Häusermeers ermöglicht. Während der sechs- bis achtwöchigen Sommerferien (die Regelungen in den Bundesstaaten des Deutschen Reiches sind unterschiedlich) unterhalten Wohlfahrtsverbände, städtische Sozialbehörden und auch Betriebe solche Heime für besonders kränkliche und unterernährte Kinder. Andere werden z. B. zu ihren Verwandten aufs Land geschickt oder fahren mit der ganzen Familie in die Sommerfrische. Das allerdings können sich nur Angehörige der finanziell bessergestellten bürgerlichen Schichten leisten. Für sie gehört ein mehrwöchiger Aufenthalt z. B. in einem Dorf in Oberbayern oder in einem Badeort an Nord- und Ostsee zu den alljährlichen Sommerfreuden. Bekannt sind vor allem die Ostseebäder Heringsdorf und Ahlbeck, da sich hier auch gern die Prominenz aus der Reichshauptstadt aufhält. Heringsdorf macht in diesem Jahr besonders von sich reden, da die Kurverwaltung erstmals das Experiment eines Familienbades wagt:

Nach ausländischem Vorbild tummeln sich in einem gut bewachten Strandabschnitt nur mit Badeanzügen Bekleidete beiderlei Geschlechts. Obwohl die Ordner lediglich verheirateten Männern in Begleitung ihrer Frau den Eintritt gestatten, ist die Einrichtung aus moralischen Gründen umstritten. Seebäder in Oberitalien und Südfrankreich werden bevorzugt in den Wintermonaten von den Mitteleuropäern aufgesucht – vorrangig Deutsche und Briten zeigen sich in den Luxushotels der Modebäder Nizza, Cannes, Biarritz, Venedig und Triest. Reisebeschränkungen gibt es zur Kaiserzeit nicht, man braucht nur einen Pass und das nötige Kleingeld, um fremde Länder sehen zu können. Dorthin fährt man zumeist mit der Eisenbahn, die Spezialtickets für Ferienreisende anbietet, z. B. Wanderrückfahrkarten und für ein ganzes Land gültige Rundreisetickets. Moderne Verkehrsmittel wie Auto oder Fahrrad werden noch selten für lange Touren benutzt.

Neben Italien und Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden rücken Reiseziele wie Ägypten, Algerien oder Griechenland in den Vordergrund. Zu einem Anziehungspunkt für Globetrotter entwickelt sich auch Amerika. Hier reizt neben der Überfahrt auf einem der prachtvollen Luxusliner die moderne US-Gesellschaft.