Die Staatsmacht duldet keinen Widerspruch, die bürgerlichen Untertanen bleiben still

Politik und Gesellschaft 1902:

Im Zarenreich mit seinen feudalen Strukturen leidet das Volk stärker als anderswo unter Ausbeutung und Unterdrückung. Die Folge sind revolutionäre Unruhen unter Arbeitern, Bauern und Studenten, die zwar von den Soldaten der autokratischen Regierung Nikolaus’ II. brutal niedergeschlagen werden, aber zu einem Erstarken der sozialrevolutionären Bewegung Russlands führen. Vom Ausland her versuchen ihre Funktionäre, die aus der Unzufriedenheit entstehende Kraft zu lenken und zu leiten – mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Umwälzung. Das Programm für eine dazu notwendige revolutionäre Partei formuliert Lenin in der im März erscheinenden Schrift »Was tun?«.

Ein weiteres Kampfthema der sozialistischen Parteien Europas ist die Durchsetzung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts – eine Forderung, für die Sozialisten mit den bürgerlichen Liberalen gemeinsam streiten. Konservative Regierungen antworten darauf mit ebensolcher Gewalt wie auf sozial bedingte Unruhen. Mehrere Tote sind das Ergebnis eines Generalstreiks für das allgemeine Wahlrecht in Belgien, der im April das Land erschüttert. In Schweden kommt es aus dem gleichen Grund zu Auseinandersetzungen. Im Deutschen Reich, wo die Verfassung von 1871 das allgemeine Wahlrecht für Männer garantiert und wo dieses Thema lediglich in den einzelnen Bundesländern aktuell ist, überlässt das Bürgertum die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Konflikten lieber den Parlamenten und verweigert den vielfach von den Sozialdemokraten getragenen Protesten ihre Unterstützung. Der relative Wohlstand des deutschen Bürgertums, ein Ergebnis der technischen und industriellen Entwicklung, führt in dieser Klasse zur Bequemlichkeit, verbunden mit untertäniger Bejahung der Staatsräson. Eine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Epoche findet lediglich im künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Bereich statt. Als Gegenentwurf zu dem vom Kaiser persönlich geförderten Historismus mit seinen immer protzigeren Prunkgebäuden und Nationaldenkmälern sind die der Natur entlehnten Formen des avantgardistischen Jugendstils zu deuten. Sie finden – oft als Gesamtkunstwerk – Eingang in Werke der Architektur, des Designs, der Bildhauerei und Malerei und sind häufig verbunden mit neuen Vorstellungen von naturnahen Lebensformen. In ihren Gemeinschaften suchen Künstler, Literaten und Geisteswissenschaftler miteinander nach Alternativen zu der verkrusteten, vom hohlen Pathos wie vom blinden Technikglauben bestimmten wilhelminischen Welt.