Ornament und Handwerkskunst prägen den Jugendstil

Wohnen und Design 1902:

Der Jugendstil erlebt in der Zeit um die Jahrhundertwende seine Blütezeit. Entstanden aus der künstlerischen Protestbewegung zum Historismus, ist er ein wesentliches Charakteristikum der in Deutschland seit 1895 spürbaren Kunstgewerbereform. Die damit verbundene Abkehr von der fabrikmäßigen Massenproduktion des Gründerzeit-Kitsches führt zur Aufwertung des Kunsthandwerks und des einzelnen Künstlers auf dem Gebiet der Formgestaltung. Deren Absicht ist die Durchdringung der komfortablen bürgerlichen Lebensweise mit Kunst auf hohem Niveau. Ihre Kennzeichen sind edle Materialien und handwerkliche Qualität, gepaart in ausgereiftem ornamentalen Dekor. Unterstützt von Mäzenen aus Kreisen der Aristokratie und des reichen Bürgertums entstehen internationale Künstlervereinigungen in Glasgow, London, Brüssel, Paris, München, Darmstadt und Wien. Was als Art Nouveau in Frankreich, als Secessionsstil in Österreich und nach der seit 1896 in München erscheinenden Zeitschrift »Jugend« in Deutschland als Jugendstil bezeichnet wird, sind Bestrebungen mit dem Ziel einer neuen ästhetischen Einheit von Raum, Gegenstand und Mensch. Unter der Führung von Künstlern wie dem Briten Charles Rennie Mackintosh, dem Belgier Henry van de Velde, den Österreichern Joseph Maria Olbrich und Josef Hoffmann sowie den Deutschen Peter Behrens, Bernhard Pankok und Richard Riemerschmid entstehen Gebäude als Gesamtkunstwerke, in denen alle Gegenstände einem Gestaltungsprinzip unterworfen sind.

Solche Gestaltungsprinzipien sind der Natur entlehnte Ornamente, die alles miteinander verschmelzen: Vom Wohnhaus bis zum Buchschmuck, vom Theatergebäude bis zum Frisiersalon, vom Möbel bis zum Essbesteck, von der Typografie bis zur Plakatkunst. Gegenstände wie Möbel werden zum Ornament geformt. Ein Stuhl z. B. erweckt den Anschein, als wachse er wie eine Pflanze, als bestünde er aus stängel- und knospentreibenden Substanzen.

Letztlich entwickelt sich der Jugendstil zu einer Ästhetik, in der die Trennung von Mensch und Natur aufgehoben zu sein scheint. Dieser Totalanspruch, der durchaus im Einklang steht mit naturmystischen Tendenzen literarischer und geistesgeschichtlicher Entwicklungen jener Zeit, bedeutet aber zugleich eine Flucht aus der Wirklichkeit.

Die gesellschaftliche Realität steht im krassen Gegensatz zu solchen Verinnerlichungstendenzen einer kleinen Gruppe von Gebildeten, für die eine soziale Frage nicht zu existieren scheint. Die fortschreitende Industrialisierung und die Konzentration der Produktion auf wenige Großbetriebe führt dazu, dass ein Großteil der Menschen seinen Wohnort nicht frei wählen kann und damit ausgelastet ist, das eigene Überleben zu sichern. Bei einem Jahreseinkommen, das bei 70% der preußischen Bevölkerung unter 900 Mark, vielfach sogar bei 300 Mark liegt, und einer monatlichen Durchschnittsmiete von 15 Mark für eine Zweizimmerwohnung ohne Küche, ist die Wohnungsfrage für die meisten Menschen ungelöst. Unzählige Elendsschilderungen berichten von katastrophalen Wohnverhältnissen, wo mangelnde hygienische Einrichtungen, dunkle, feuchte und kalte Räume Ursachen von Krankheiten sind. Die Hälfte aller Arbeiterwohnungen in den Mietskasernen besteht aus zwei Zimmern, die von zehn- bis zwölfköpfigen Familien bewohnt werden, zu denen noch sog. Kostgänger oder Schlafburschen kommen. Nur einige besserverdienende Proletarier mit wenigen Kindern sind in der Lage, sich ein »gemütliches Zuhause« zu schaffen. Die Einrichtung ähnelt der von Angestellten- und unteren Beamtenfamilien mit der sog. guten Stube. Trotz enger Räumlichkeiten – meist nur zwei Zimmer – will man auf dieses Statussymbol keineswegs verzichten. Der mit dem Plüschsofa ausgestattete Raum wird nur zu Familienfesten oder an Feiertagen benutzt. Repräsentation spielt auch bei der Ausgestaltung »gutbürgerlicher« Wohnungen eine entscheidende Rolle. Mit einem Jahreseinkommen von z. B. 5500 Mark kann ein gebildeter Staatsdiener mit seiner Familie über fünf bis acht Zimmer verfügen. Auffallend an den Grundrissen neuer Stadtwohnungen solcher Ausmaße sind die großen Repräsentationsräume zur Straße hin und die im Vergleich dazu beengten Schlaf- und Kinderzimmer zum Hof. Das überladene Interieur ist Ausdruck bürgerlichen Wohlstands: Dunkle, wuchtige Möbel, schwere Gardinen, Wandteppiche und oft auch getäfelte Wände – eine Einrichtung, angelehnt an die großbürgerliche Wohnkultur aus dem 19. Jahrhundert.