Protest gegen Historismus

Protest gegen Historismus
ehemaliges Eingangsgebäude der Station Bastille. Architekt Hector Guimard, By Scanné par Claude_Villetaneuse (Collection personnelle) [Public domain], via Wikimedia Commons

Architektur 1902:

Die Arbeit junger moderner Architekten um die Jahrhundertwende ist charakterisiert durch die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und den Protest gegen Stilnachahmung und Historismus. Der Rückgriff auf Formen vergangener Zeiten bestimmte ein halbes Jahrhundert die europäische Architektur und ist auch noch in der Gegenwart bevorzugte Manier offizieller Baumeister. Für sakrale Bauten gelten oft romanische und gotische Vorbilder, für Bankgebäude scheinen dorische oder ionische Säulenordnungen der Antike geeignet, und bei der Errichtung von Rathäusern ergeht sich der Bürgerstolz in Erinnerungen an Spätgotik und Renaissance.

In Abkehr zu diesem vorherrschenden Eklektizismus entwickelte sich in den USA, in Großbritannien, Belgien, den Niederlanden, in Frankreich, im deutschsprachigen Raum und in Italien eine eigenständige Bewegung, die trotz individueller Formsuche gemeinsame Züge trägt. In Deutschland nennt man sie nach der 1896 in München gegründeten Zeitschrift »Jugend« den Jugendstil, in Frankreich Art Nouveau oder Style Guimard (nach Hector Guimard, den Gestalter der dekorativen Metroeingänge in Paris), in Österreich Secessionsstil und in Italien Style Liberty. Die Architekten des Jugendstils verzichten bewusst auf Imitation des Vergangenen. Ihre Baukunst ist die des Ornaments; sie nutzen handwerkliche Konstruktionsverfahren aus, verwenden farbige Materialien, exotische Hölzer für Einlegearbeiten, Haustein, Schmiedeeisen bei Gittern, Balkonen und schlanken Stützen, entwerfen asymmetrische Fenster- und Türöffnungen, Erkerfenster, Fenster in Hufeisenform u. a. Angestrebt wird weniger ein räumlicher Ausdruck des Grundrisses als vielmehr eine Verbindung zwischen Oberfläche und Ornament.

Zu den bekanntesten Vertretern gehören der Belgier Henry van de Velde, der u. a. die Innenausstattung des Folkwang-Museums entwarf, der Niederländer Hendrik Petrus Berlage, dessen Gebäude der Amsterdamer Börse z. Z. errichtet wird, Joseph Maria Olbrich, Schöpfer des Spielhauses für die Darmstädter Prinzessin, und Josef Hoffmann, Architekt der Villenkolonie auf der Hohen Warte in Wien; des Weiteren Peter Behrens (Darmstadt), Daniel H. Burnham (Chicago), August Endell (München), Victor Horta (Brüssel), Richard Riemerschmid (München), Louis Sullivan (Chicago) und Otto Wagner aus Wien.

Eine Sonderstellung unter den Jugendstilkünstlern nehmen der Spanier Antoni Gaudí und der Schotte Charles Rennie Mackintosh ein. Gaudí, der 1884 mit dem Bau der Sagrada Familia in Barcelona begann und an dessen Parkanlage Güell dort seit 1900 gebaut wird, erringt internationalen Ruhm vor allem aufgrund seiner »ausschweifend originellen« Bauweise. Mackintosh dagegen, einer der Protagonisten des Jugendstils in Großbritannien, ist in seinem Duktus weitaus strenger. Sein 1902 entstehendes Landhaus Hill House und vor allem der 1901 ausgezeichnete Entwurf für das »Haus eines Kunstfreundes« markieren bereits eine Überwindung der ornamentalen Jugendstilarchitektur.

Dieses Projekt sieht eine revolutionäre Raumgliederung, eine Anordnung von schlichten, klaren Kuben ohne Auskragungen, ohne jedes Ornament und Verzierung vor. In Großbritannien stößt diese Kargheit auf Unverständnis, wohingegen Künstler der Wiener Secession sich von dieser Formsprache beeinflussen lassen. Das 1903 fertiggestellte Sanatoriumsgebäude in Purkersdorf von Josef Hoffmann gilt mit seiner klaren Gliederung und äußeren Strenge als eines der ersten Bauwerke des Rationalismus.

Ebenfalls eine sehr eigene Architektur entwickelt zur gleichen Zeit der US-Amerikaner Frank Lloyd Wright, der 1902 das Willits House in Chicago baut. Er will Wohnhaus und Landschaft verbinden.