Schiene verbindet die Welt

Verkehr 1902:

In Verbindung mit der Industrialisierung kommt der Entwicklung des Verkehrs eine bedeutende Rolle zu. Der weltweite Transport von Rohstoffen, Fertigprodukten und natürlich auch von Passagieren erfordert den Ausbau der Verkehrs- und Kommunikationswege innerhalb der Kontinente und über die Ozeane hinweg. Errichtung und Vervollkommnung des Post-, Telegrafen-, Schifffahrts- und Eisenbahnwesens fördern den Welthandel und erleichtern die Verbindung mit den Kolonien. Neben der Einrichtung neuer Schifffahrtslinien steht vor allem die Erweiterung des Eisenbahnnetzes in künftig zu erschließenden Gebieten im Vordergrund, z. B. die Bagdadbahn in Vorderasien oder Strecken in den Kolonien. 1902 wird auch der wesentliche Abschnitt der Transsibirischen Eisenbahn abgeschlossen. Die damit entstandene direkte Verbindung nach Ostasien ist für Russland vor allem von militärischem Interesse.

Die verkehrstechnischen Aufgaben der europäischen Industrieländer, die bereits über ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz verfügen, betreffen in erster Linie die Modernisierung. Dabei geht es um höhere Geschwindigkeiten und mehr Sicherheit. Die schnellste Verbindung innerhalb des Deutschen Reiches existiert zwischen Berlin und Hamburg, hier beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit 82,3 km/h. Züge in Südfrankreich – zwischen Morceaux und Bordeaux – schaffen durchschnittlich 99,2 km/h und in den USA einige sogar 107,5 km/h. Um eine Geschwindigkeit von 161 km/h, wie sie Siemens auf Versuchsstrecken erreicht hat, im Normalverkehr einführen zu können, bedarf es allerdings einer Verstärkung des Schienenunterbaus. Dabei stellt sich auch die Frage der Elektrifizierung. Eine Umstellung vom Dampfbetrieb erscheint den meisten Betreibern jedoch noch zu teuer. Dringender ist wohl das Problem der Sicherheit. Zwar ging die Zahl der Eisenbahnunfälle im Vergleich zum Jahr 1900 zurück, doch beträgt sie im Deutschen Reich noch immer 3256 (1900: 3759). 851 Menschen werden getötet und 2055 verletzt (1900: 994 und 2447). Vorrangig wird deshalb an der Verbesserung des Signalsystems und der Schienenanlagen gearbeitet. Ebenso bedeutungsvoll wie die Entwicklung des Fern- ist die des innerstädtischen Nahverkehrs. An vorderster Stelle stehen hier S- und U- sowie Straßenbahnen. Eine geringe Rolle spielen bisher die Kraftfahrzeuge, wenn auch schon vermehrt Kraftomnibusse zum Einsatz kommen. Wesentliche Verbesserungen ermöglicht die Elektrifizierung. So löst am 28. Januar in Wien die »Elektrische« die letzte Pferdebahn ab, und in Berlin wird am 15. Februar die erste Hoch- und U-Bahnstrecke eingeweiht. Schon in den ersten Betriebswochen zeigen sich die Vorteile des modernen Massenverkehrsmittels. Gegenüber den bereits seit 1853 fahrenden dampfbetriebenen Stadtbahnen erreichen die Fahrgäste schneller ihr Ziel, da die neue Bahn durchschnittlich 28 km/h fährt (die Haltezeiten in den Stationen einberechnet), die Dampfzüge jedoch höchstens 22 km/h erreichen. Vor allem die regelmäßigen Benutzer wissen diese Zeitersparnis zu schätzen.