Technische Systeme im Test

Auto und Verkehr 1902:

»Die Massenfabrikation von Automobilen lohnt sich noch nicht und wird sich, scheint’s, noch lange nicht lohnen.« – So steht es in einem Artikel über die Deutsche Automobilausstellung im Mai in Berlin. Begründet wird die These mit den hohen Preisen für Motorwagen und dem häufigen Wechsel technischer Systeme bei den sog. Selbstfahrern (Bezeichnung für Kraftfahrzeuge). Allein im Deutschen Reich und in Frankreich haben sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren über 100 Unternehmen für Motorfahrzeuge gegründet, deren jährliche Stückzahlen manchmal die zehn nicht überschreiten und deren Konstrukteure nach ausgereiften technischen Lösungen für ihr Modell suchen. Die Vielfältigkeit zeigt sich u. a. in der Art der Kraftübertragung, die mit Hilfe von Riemen, Ketten und auch Wellen erreicht wird, sowie bei den Antriebskräften. Hier führen Benzin und Spiritus vor Elektrizität und Dampf. Das Elektromobil ist zwar aufgrund seiner hohen Zuverlässigkeit gut angesehen, doch wirkt sich sein geringer Aktionsradius nachteilig aus. Ohne Aufladen der Batterie fährt es nicht einmal 100 km weit. Hoffnungen setzen die Hersteller hier auf eine in Chicago getestete »Akkumulationsbatterie«, mit der ein Fahrer über 300 km bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 17,5 km/h zurücklegt. Recht selten kommen Dampfmotoren zum Einsatz. In Berlin ist nur ein Lastwagen mit dieser Antriebsart vertreten. Röhrenkessel und 20-PS-Motor ähneln denen britischer Vorbilder, die sich auf den schlechten Straßen Südafrikas bewähren. Mit Anhänger können sie Lasten bis zu 140 Zentner bewegen – doppelt so schnell wie Pferdegespanne. Gemessen am gesamten Produktionsumfang nimmt das Deutsche Reich Platz drei hinter Frankreich und den USA ein, gefolgt von Großbritannien. Zu den erfolgreichsten deutschen Firmen zählen Adler, Benz, Dürkopp, Horch, Opel, Stoewer, Wartburg sowie das Daimler-Unternehmen aus Cannstatt, das sich 1902 den Namen »Mercedes« schützen lässt. Führend in Europa ist das Werk der Brüder Renault, von denen Marcel am Steuer eines Wagens Typ K 14 CV das Rennen Paris-Wien gewinnt.