50 000 ordentliche Studenten an 29 deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen

Bildung 1903:

Hauptthema der allgemeinen Bildungsdiskussion im Deutschen Reich sind die gestiegenen Ansprüche der Industrie an schulische Einrichtungen. Sie erfordern Reformen im höheren Bildungswesen und in Bereichen der Berufsausbildung. Wirtschaftsverbände und Pädagogen setzen sich verstärkt für die Einführung des obligatorischen Besuchs von Fortbildungsschulen ein; das sind von Kommunen oder auch großen Unternehmen eingerichtete Berufsschulen für die 14- bis 17-Jährigen. Da die Bildungspolitik im Zuständigkeitsbereich der einzelnen Bundesstaaten liegt, gibt es hier keine einheitliche Regelung im Deutschen Reich. Während in Bayern, Württemberg, Baden und Hessen für jeden Lehrling die dreijährige Berufsschule Pflicht ist, kann sich das größte Land, Preußen, in erster Linie aus Kostengründen zu gesetzlichen Maßnahmen nicht durchringen. So bleibt es z. B. jedem Lehrherrn selbst überlassen, ob er seinen »Stift« für die Fortbildung freistellen will. In Berlin besuchen dann auch nur 42,2% aller 36 000 Lehrlinge eine Berufs- oder Fachschule, in der Branche der Kolonialwarenhändler sind es sogar nur 9%.

Die Volksschulen, von über 90% aller schulpflichtigen Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren besucht, sind zum großen Teil in einem katastrophalen Zustand. Raumnot und Lehrermangel haben Klassen mit über 100 Schülern zur Folge; auf dem Land herrscht zudem noch die zweiklassige Form vor. Erklärtes Ziel der Volksschule ist die »Erziehung des deutschen Arbeiters zu Fleiß, Gottesfurcht, Nüchternheit und Zufriedenheit«. Demnach ist das zentrale Unterrichtsfach noch immer Religion und traditionelles Erziehungsmittel die körperliche Züchtigung. Reformbestrebungen der internationalen bürgerlichen Pädagogik finden deshalb hier kaum Einzug. Nur vereinzelt setzen sich Lehrer in Großstädten wie Berlin und Hamburg für die Realisierung neuer Konzepte der Individual- oder Sozialpädagogik ein, engagieren sich in der Kunsterziehungs- oder Arbeitsschulbewegung. Erste Landerziehungsheime (Isenburg seit 1898, Haubinda seit 1901) mit einem Schulgeld von mindestens 1400 Goldmark im Jahr können nur von großbürgerlichen Familien genutzt werden.