Ein Jahr ohne Eigenschaften im zugleich fort- und rückschrittlichen Kaiserreich

Ein Jahr ohne Eigenschaften im zugleich fort- und rückschrittlichen Kaiserreich
Drehstrom-Versuchstriebswagen von AEG, fuhr 210,3 km/h am 27. Okt.1903, Quelle: Bild-PD-alt

Politik und Gesellschaft 1903:

»Ein normales Jahr im imperialistischen Deutschland« lautet der Untertitel eines Buches über das Jahr 1903, das der Ostberliner Wirtschaftshistoriker Jürgen Kuczynski 1988 veröffentlichte. Tatsächlich verlaufen die zwölf Monate dieses Zeitraums ohne einschneidende Ereignisse. Sie sind insofern typisch für die äußerliche Ruhe in der Epoche vor dem Ersten Weltkrieg.

Das Deutsche Kaiserreich präsentiert sich im vierten Jahrzehnt nach seiner Gründung im festen Glauben an eine große Zukunft. Nach der Krise der Jahre 1900-1902 hat sich die Wirtschaftslage entspannt. Die Arbeitslosenzahlen sinken, und steigende Produktionsziffern in der Schwerindustrie ziehen einen Aufschwung in anderen Bereichen nach sich. Fusionen im Bereich von Kohle und Stahl sowie in der Chemie- und Elektrobranche stärken – unterstützt durch die Risikobereitschaft der Großbanken – die internationale Konkurrenzfähigkeit. Der Einsatz modernster Techniken ist die Grundlage für ein Wachstum, das tiefgreifende Veränderungen im sozialen Leben zur Folge hat.

Ehemals beschauliche Orte wachsen zu Millionenstädten mit Verwaltungsgebäuden, Warenhäusern und Vergnügungszentren heran. Der Ausbau des landesweiten Telefonnetzes ermöglicht eine noch schnellere Kommunikation. Elektrisch betriebene Verkehrsmittel und Automobile verdrängen Pferdewagen, erste Hochgeschwindigkeitszüge mit über 200 km/h Spitze, aber auch – im fernen Amerika – der erste gelenkte Motorflug der Brüder Wright künden von einer rasanten technischen Entwicklung. Vom aufstrebenden deutschen Bürgertum wird diese Entwicklung mit Begeisterung aufgenommen, bieten sich doch ungeahnte Perspektiven für die Zukunft. In denkwürdigem Widerspruch dazu präsentieren sich weltanschauliche Ansichten: Oft genug paart sich technische Fortschrittsgläubigkeit mit konservativer Gesinnung, mit übersteigertem Nationalismus und unkritischer Begeisterung für den Kaiser.