Für kürzere Arbeitszeit

Arbeit und Soziales 1903:

Die Überwindung der wirtschaftlichen Krisensituation des Jahres 1901 hat eine relativ niedrige Arbeitslosenrate im Deutschen Reich zur Folge. Sie beträgt nur 2,7% und ist damit um vier Prozentpunkte geringer als zwei Jahre zuvor. Unter dem Eindruck eines relativ sicheren Arbeitsplatzes nimmt in der Arbeiterschaft die Furcht vor unternehmerischem Druck ab; steigende Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften sind die Folge. Dieser Tendenz versuchen die Arbeitgeber durch Maßnahmen wie Aussperrungen entgegenzuwirken. Besonders hart reagieren sie während des Textilarbeiterstreiks in Crimmitschau, der sich über vier Monate hinzieht. Hier werden komplette Belegschaften mit Aussperrung bestraft, zudem verteidigt der Staat die Unternehmerinteressen mit militärischer Gewalt.

Die Streiks im Jahr 1903 sind selten politischer Natur – anders als im Vorjahr, als es international zu großen Aktionen für die Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts kam. Die sozialen Forderungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzung.

Die Arbeitszeit im Deutschen Reich beträgt in den meisten Betrieben zwölf, oft aber auch 14 und sogar 16 Stunden täglich – einschließlich samstags. Die Gewerkschaften verlangen eine einheitliche Regelung mit maximal zehn Stunden, in stark belastenden Bereichen wie im Bergbau acht Stunden. Für dieses Ziel kämpfen auch die Arbeiter in anderen Industrieländern. In den Niederlanden streiken die Transportarbeiter wochenlang, und im US-Staat Colorado, wo die Arbeitervereinigungen eine stärkere Macht darstellen als in Europa, weitet sich ein Bergarbeiterstreik zum regelrechten »Achtstundenkrieg« aus.

Die Lohnentwicklung im Deutschen Reich zeigt entsprechend dem ökonomischen Aufschwung eine positive Tendenz, die Bruttolöhne haben sich im Durchschnitt wieder auf der Höhe von 1900 eingependelt. Infolge steigender Lebenshaltungskosten (Miet- und Lebensmittelteuerungen) liegen die Reallöhne allerdings noch darunter. Bemerkenswert ist eine beginnende Angleichung der Löhne von gelernten und ungelernten Arbeitern. Das Entgelt der ausgebildeten Facharbeiter steigt weniger schnell als das von Hilfskräften. Dieses Phänomen ist Folge größerer Arbeitsteilung und stärkeren Einsatzes von Maschinen – Kennzeichen der Konzentration der Produktion, die sich immer stärker durchsetzt.

Diese Konzentration ist auch Ursache für einen Wandel der Sozialstruktur: Kleine Handwerks- und Landwirtschaftsbetriebe sind der Konkurrenz der Großbetriebe vielfach nicht mehr gewachsen, und den Beschäftigten bleibt nur die Suche nach neuen Perspektiven in den aufstrebenden Wirtschaftszentren. Sie entwickelten sich in den vergangenen Jahren zu riesigen Ballungsgebieten.

Infolgedessen ist die Wohnungsfrage in den Großstädten zum wichtigsten sozialen Problem geworden. In den Arbeitervierteln leben die Menschen in Mietskasernen, in Häusern mit zwei, drei und mehr Hinterhöfen, sodass die Wohnungen extrem dunkel sind. In Berlin steigt der Anteil von Hinterhofwohnungen gemessen an der Gesamtwohnungszahl von 1861 bis 1910 von 28 auf 48%; bei den kleinen Wohnungen – nur solche können sich Arbeiter leisten – liegt der Anteil sogar bei 70%. In den finsteren, meist feuchten Ein- bis Zweizimmerwohnungen leben üblicherweise Familien mit mehreren Kindern. Hohe Mieten machen es oft notwendig, ein Zimmer abzugeben oder sog. Schlafgänger aufzunehmen. So ist es keine Seltenheit, dass mehr als elf Personen in zwei Räumen hausen.

Katastrophal sind auch die hygienischen Verhältnisse, im Münchener Ostend z. B. enthalten 37,3% der Wohnungen eine Toilette, zu 58,4% gehört eine gemeinsame Einrichtung, und 3,7%, nämlich 1176 Wohnungen, verfügen über überhaupt keine Toilette.