Interesse für das Nützliche

Auto und Verkehr 1903:

Die Annahme, dass dem Auto eine große Zukunft beschieden sei, ist 1903 noch keineswegs verbreitet. Das in den verschiedenen Polizeiverordnungen der Länder entweder als »Kraftfahrzeug« (Berlin), »Selbstfahrer« (Frankfurt am Main, Wiesbaden), »Motorwagen« (Hamburg, Köln, Chemnitz), »Motorrad« (Böhmen) oder »Automobil« (Hessen) genannte Gefährt für eine kleine wohlhabende Schicht genießt bei den Nichtbesitzern eher einen schlechten Ruf. Fußgänger und zum großen Teil auch Polizisten fordern Maßnahmen gegen aufgewirbelten Staub, »Benzinwinde sowie Petroleumduft« und vor allem gegen infolge hoher Geschwindigkeiten verursachte Unfälle. Die Antipathien gegen »in rasender Eile vorwärtsdrängende Fahrzeuge« sind so verbreitet, dass begeisterte Automobilisten wie Prinz Heinrich von Preußen über Aktionen zur Imagepflege nachdenken.

Zu den Anziehungspunkten der Berliner Automobilausstellung gehören etliche Neuentwicklungen einheimischer Hersteller. Offiziell produzieren 21 Betriebe Kraftfahrzeuge, doch existieren noch zahlreiche kleine Werkstätten, die mit ihren eigenen Konstruktionen ebenfalls auf Marktanteile hoffen. Die Frage der Antriebskräfte ist unter ihnen noch nicht entschieden. Die meisten Motoren laufen mit Benzin oder Spiritus, aber Dampf und Elektrizität sind ebenfalls verbreitete Energiequellen. Auch die Kraftübertragung geschieht auf unterschiedliche Weise: mit Hilfe von Riemen, Ketten und Wellen. Zudem arbeiten die Techniker ständig an so wichtigen Details wie der Zündung – 1902 führte Bosch erstmals die Hochspannungs-Magnetzündung ein -, an der Verbesserung des Kühlsystems und der Reifen. Die »Continental Caoutchouc Companie« empfiehlt ihren Reifen mit auswechselbaren Stahlstollen, die das Rutschen auf dem Pferdekot und anderem Dreck auf den Straßen verhindern sollen.

Unter den Neuheiten bei den Personenwagen finden in Berlin die drei Varianten des 1902 erstmals vorgeführten »Simplex«-Personenwagens von Mercedes großes Interesse. Premiere haben auch die von Adler entwickelten Motoren. Bisher waren die Wagen der in Frankfurt am Main beheimateten Firma mit Motoren des französischen Unternehmens De Dion-Bouton ausgerüstet.

De Dion-Bouton kann 1903 mit einer Variante der erfolgreichen Voiturette aufwarten. Auf dem Pariser Automobilsalon im Dezember ist dieser Zweisitzer mit einem verbesserten 8-PS-Einzylindermotor zu sehen. Zwei zukunftsträchtige Neuheiten präsentieren Renault, der einen 20 CV Vierzylinder der Öffentlichkeit vorführt, und der französische Elektroingenieur Clement Ader aus Paris mit einem Achtzylinder-Wagen.

Neben sportlichen Personenautos und Luxuslimousinen gewinnt die Produktion von Nutz- und Militärfahrzeugen immer mehr an Bedeutung. Attraktion der Berliner Schau ist der von Ingenieur Joseph Vollmer für die NAG-Klingenberg bei Berlin entwickelte Motorlastzug. Das robuste Lastauto »Durch« verfügt über einen 40-PS-Spiritusmotor, über stark armierte Eisenräder und eine Winde, mit deren Hilfe er sich an einem Drahtseil über schwierige Wegstrecken hinwegziehen kann. Auch in Paris lenkt ein Lastzug die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Die von Oberst Renard gebaute Zugmaschine kann mehrere zusammengekoppelte Wagen fortbewegen. Die Daimler-Motorengesellschaft in Marienfelde bei Berlin, die sich immer stärker mit Entwurf und Herstellung von Nutzfahrzeugen beschäftigt, bringt einen Omnibus mit einem 10-PS-Motor sowie Armeelastwagen heraus. Bei deren Entwicklung arbeiten Fabriken wie Daimler, Dürrkopp und die Nürnberger Union-Gesellschaft mit den Verkehrstruppen des Heeres zusammen, denn dort hat »man das Selbstfahrerwesen als ein unentbehrliches Hilfsmittel in der Kriegführung erkannt«.